Die einsame Erotik eines Mächtigen

14. Oktober 2008, 19:00
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Den rasanten Aufstieg von Henry Kissinger rafft Regisseur Stephan Lamby in einem Porträt zusammen - Donnerstag um 21.00 Uhr auf Arte

Dass er von der örtlichen Hitlerjugend im deutschen Fürth verprügelt wurde, erzählt Henry Kissinger emotionslos. Schlimmer sei die Flucht vor den Nazis für seine Eltern gewesen.

Im New York des Jahres 1938 wird aus Heinz Henry, und diesen prägt die direkte und spontane Art der Stadt. Den rasanten Aufstieg des ambitionierten Politikwissenschafters rafft Regisseur Stephan Lamby im Porträt "Henry Kissinger - Geheimnisse einer Supermacht" rasch zusammen. Um sich stärker auf die späteren Leistungen und Manöver des prominentesten US-Außenpolitikers zu konzentrieren.

Ausweitung des Vietnamkriegs nach Kambodscha, Geheimbesuche bei Breschnew und in Peking; Lamby ordnet Kissingers "Realpolitik" in die Domino-Theorie der kalten Krieger ein.

Das umfangreiche Archivmaterial wird mit Abhörprotokollen und markigen Sprüchen aus mehreren Epochen, etwa durch den deutschen Altkanzler Helmut Schmidt oder George W. Bush, aufgefettet. Interviews mit Kollegen im "National Security Council" verleihen dem Film Tiefe - selbst wenn Polit-Haudegen wie Stabschef Alexander Haig oder Sicherheitsberater Brent Scowcroft Staatsgeheimnisse nicht auf der Zunge tragen. Eher wird Kissinger die zweifelhafte Ehre des menschlich ungeliebten Genies zuteil, der seine Erotik aus Macht gewinnt.

Untrennbar bleibt er jedoch mit Richard Nixon verbunden, so auch in diesem Porträt einer Epoche. Balance, darum sei er immer bemüht gewesen, betont Kissinger leicht genervt durch Lambys Fragen. Wie er zu Salvador Allendes Sturz in Chile stehe, oder welche Rolle er in der Indonesischen Invasion von Osttimor innehatte, hier windet sich der Friedensnobelpreisträger und rät trocken zur Lektüre statt zur Arte-Sendung. (Georg Horvath/DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2008)

Do, 15. 10., Arte, 21.00

  • Brenzlige Fragen umschifft Kissinger: Er empfiehlt lieber ein seriöses Buch: etwa zum Putsch in Chile 1973.
    foto: ndr

    Brenzlige Fragen umschifft Kissinger: Er empfiehlt lieber ein seriöses Buch: etwa zum Putsch in Chile 1973.

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