Direkter Draht zu Herz und Verstand

14. Oktober 2008, 20:30
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Warum im Handy die interaktive Zukunft liegt, und weshalb konventionelle Konzepte daran scheitern, erklärt Otto Petrovic, Leiter des Forschungszentrums Evolaris, im STANDARD-Interview

STANDARD: Welche Eigenschaften müssen moderne Kommunikationstechnologien haben?

Petrovic: Besonders zukunftsorientiert sind Technologien, die einen nachhaltigen Dialog zwischen dem Absender einer Botschaft und dem Empfänger herstellen. Wir beschäftigen uns mit intelligenter Software, die den Dialog systematisch unterstützt. Die große Chance der Interaktivität liegt darin, dass man die Kunden kennt und versteht. Gerade beim Mobiltelefon ist es wichtig, dass man nicht einfach eine Botschaft per SMS versendet, sondern dass man personalisierte, bedürfnisgerechte und kontextsensitive Inhalte übermittelt.

STANDARD: Heißt das, dass Handys künftig mit individualisierter Werbung überflutet werden?

Petrovic: Genau das soll es nicht sein. Das Handy ist nur sehr eingeschränkt ein Werbemedium. Vielmehr ist es ein Instrument des Kundenbeziehungsmanagements, das einen Dialog und Services bieten kann - wenn der Kunde zustimmt. Es muss ein Nutzen da sein und eine emotionale Qualität.

STANDARD: Warum ist gerade das Mobiltelefon so attraktiv für interaktive Anwendungen?

Petrovic: Erstens ist es ein Reichweitenphänomen: Es gibt weltweit doppelt so viele Handys wie Fernsehgeräte und dreimal so viele wie Computer. Unabhängig von Schicht und Einkommen und weitestgehend unabhängig vom Land, hat man ein Medium, das jeder nutzt. Zweitens ist es das persönlichste Medium, das es jemals gab, es ist ein direkter Draht zu Herz und Verstand. Es ist ein hochsensibler Kanal mit riesigem Potenzial, da sollte man nicht mit der Brechstange vorgehen und klassische Methoden zum Erzeugen eines Werbedrucks einsetzen.

STANDARD: Wo liegen die Potenziale von mobiler Kommunikation? Bislang haben sich etwa Internet und Fernsehen am Handy noch nicht wirklich durchgesetzt ...

Petrovic: Mobiles Fernsehen und mobiles Marketing sind aus meiner Sicht erst ganz am Anfang. Das liegt daran, dass die wirklichen Bedürfnisse der Anwender noch nicht erfüllt werden und Konzepte von klassischen Medien und klassischer Marktforschung nicht einfach auf das Medium Mobiltelefon übertragen werden können. Internet am Handy wird bald eine Selbstverständlichkeit sein, das ist nur noch eine Frage der Tarifmodelle. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2008)

Zur Person
Otto Petrovic (44) ist Vorstandschef der Evolaris Next Level Privatstiftung, eine Forschungseinrichtung für interaktive Medien. Er ist Professor am Institut für Informationswissenschaft und Wirtschaftsinformatik an der Karl-Franzens-Universität Graz.

  • Otto Petrovic (44).
    foto: privat

    Otto Petrovic (44).

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