Wenn Plakate sprechen können

14. Oktober 2008, 20:21
10 Postings

Das Plakat soll Handy­nutzer in Zukunft zum Dialog "einladen" - Forscher haben Technologien entwickelt, die bereits in Pilotprojekten eingesetzt werden

"Sie sehen gestresst aus, Mr Anderton. Sie brauchen Urlaub", sagt die angenehme Stimme aus einer der Plasmawände, die die Straßen des Jahres 2054 in Steven Spielbergs Sciencefiction-Film Minority Report säumen. "Sie könnten jetzt ein Guinness vertragen, Mr Anderton", ermuntert ein anderer Bildschirm den auf der Flucht befindlichen Polizisten, der den flächendeckend installierten Iris-Scannern nicht entrinnen kann.

Die Verwendung von Iris-Scans beschränkt sich zwar derzeit (noch) auf Grenz- und Zutrittskontrollen, dass Plakate "sprechen", also mit den Passanten interagieren können, ist jedoch nichts Außergewöhnliches mehr. Das neue Medium dabei ist das Mobiltelefon: Per Funktechnologien wie Bluetooth oder RFID/NFC (Radio Frequency Identification/Near Field Communication), per SMS, Bilderkennung und 2-D-Codes wird eine Verbindung zwischen Handy-Nutzer und Plakatfläche hergestellt.

Seit mehreren Jahren experimentieren Unternehmen mit dieser Kombination aus Außenwerbung und mobilem Marketing: So können elektronisch aufgerüstete Plakate Passanten mit Bluetooth-Handys anfunken. Wer mit einer SMS antwortet, bekommt einen MP3-Song, Videoclips, Spiele oder weiterführende Infos zugesandt oder kann per mobilem Internet gleich eine Konzert- oder Kinokarte kaufen.

Testumgebung mit Venus

Beim Grazer Forschungszentrum Evolaris, das sich mit der Entwicklung von Technologien zur Interaktivierung klassischer Medien beschäftigt, hält man wenig von derartigen Push-Diensten: Die Gefahr bestehe, dass durch ungefragtes Anfunken die Kundschaft in Zeiten von Spamfluten und Datenschutzbedenken eher vergrämt denn gebunden wird. Bei sogenannten "Pull-Technologien" hingegen entscheidet der User selbst über die Verwendung - und muss den ersten Schritt tun. Er wird nicht überrollt.

"Die Erfahrungswerte zeigen, dass man die Botschaft genau abstimmen muss, damit sie nicht zu aggressiv ist", sagt auch Markus Schuster, Chief Operating Officer des Außenwerbers Epamedia überzeugt. Gemeinsam mit Evolaris wurde eine Testumgebung entwickelt, um "Realziffern zu bekommen, was man mit Mobile Marketing erreichen kann", sagt Schuster. Seit August sind 600 Plakate und 200 City Lights mit der Venus von Willendorf als Sujet in und um Wien affichiert, die vier verschiedene Formen von Interaktivität ermöglichen.

In den City-Light-Vitrinen kann ein Handy-Memory über Bluetooth heruntergeladen werden. Auf einer Plakatserie wird ein klassisches SMS-Gewinnspiel angeboten, auf einer anderen können Passanten per Handy gekennzeichnete Bildausschnitte der Venus fotografieren und erhalten dann weitere Infos dazu. Die von Evolaris entwickelte Software erkennt 5000 unterschiedliche Endgeräte und liefert die Infos entweder als Text oder als Link zum mobilen Internet.

Auf den Plakaten der dritten Serie ist ein Quick Response Code abgebildet, ein Quadrat mit gepixeltem Muster, das, wenn es mit dem Handy fotografiert wird, einen Link im mobilen Internet öffnet. Die nötige Software dafür kann gratis heruntergeladen werden.

Sämtliche Interaktionen werden durch ein von Evolaris entwickeltes System abgewickelt, aufgezeichnet und analysiert - mit dem Ziel, einen personalisierten Dialog mit den potenziellen Kunden aufzubauen. Laut Schuster sei der Rücklauf bisher "sehr erfreulich - wenn man beachtet, dass diese Technologien noch ganz neu sind."

In einem weiteren Projekt, das bei Vita-TV, einem Fernsehformat fürs Wartezimmer, getestet wird, kann man während einer Kochsendung per SMS seine E-Mail-Adresse an eine Nummer schicken und bekommt dann umgehend die Kochanleitung auf den PC und die Einkaufsliste aufs Handy. "So werden drei Medien miteinander verknüpft und jedes so eingesetzt, wie es am meisten Sinn hat", meint Evolaris-Vorstandschef Otto Petrovic (siehe Interview).

In Zukunft könnten mit diesen Technologien Archive erstellt werden, für die etwa Zeitungsartikel nicht mehr ausgeschnitten, sondern durch Fotografieren des Quick Response Codes gespeichert und zugeordnet werden.

Um die Bedürfnisse der User aufzuspüren, betreibt Evolaris nicht nur Trendscouting in technoaffinen Ländern wie Japan und Korea, sondern baut "Living Labs" auf. Schulklassen werden mit neuesten Technologien ausgestattet und führen Tagebuch darüber. Erkenntnisse für zukünftige Entwicklungen. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2008)

  • Zukunftsvisionen im SF-Film "Minority Report": Interaktive Werbeflächen, die mobile Menschen ansprechen, gelten schon heute als die Zukunft des Marketings.
    foto: dream works pictures

    Zukunftsvisionen im SF-Film "Minority Report": Interaktive Werbeflächen, die mobile Menschen ansprechen, gelten schon heute als die Zukunft des Marketings.

Share if you care.