Andreas Berger: "Besser erwischt werden als nicht alles versuchen"

14. Oktober 2008, 18:29
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Ex-Sprinter findet im STANDARD-Interview Leistungen wie jene von Kohl oder Bolt "trotzdem geil"

Standard: Sie sind insofern eine Ausnahme, als Sie Doping nicht nur praktiziert, sondern vor allem zugegeben haben. Stimmt es, dass Sie gesagt haben, Sie würden wieder dopen, nur diesmal gescheiter?

Berger: Ich will nur nicht heuchlerisch daherkommen. Die Realität ist doch die: Hochleistungssportlern wird so viel abverlangt, dass sie an die Grenzen und darüber hinausgehen müssen. Man legt ihnen Millionen auf die Siegerpodeste, aber sie sollen bitte clean dort oben stehen. Das ist heuchlerisch.

Standard: Und die Lösung wäre?

Berger: Zwei Möglichkeiten. Entweder man bekennt sich zum Hochleistungssport, dann darf man aber bitte nicht nachfragen. Oder man verfolgt Doping auch strafrechtlich. Mit Gefängnisstrafen, mit hohen Geldstrafen.

Standard: Mehrjährige oder auch lebenslange Sperren reichen nicht zur Abschreckung?

Berger: Wenn einer die Wahl hat, Bäcker oder Sportstar zu werden, wird er sich meistens für Sportstar entscheiden. Bald steht er vor der Entscheidung, ob er dopen soll, um eine Chance zu haben. Wird er erwischt, ist nicht viel verhaut. Bäcker kann er ja immer noch werden. Es ist besser, erwischt zu werden, als nicht alles zu versuchen.

Standard: Die Frage nach Ethik stellt sich nie?

Berger: Es stellt sich die Frage nach Chancengleichheit. Ein Spitzensportler hat nur dann Erfolg, wenn alle leistungsbestimmenden Faktoren passen - das sind dutzende Faktoren. Irgendwann kommt der medizinische Faktor dazu, weil ganz oben nur einer stehen kann.

Standard: Sie gehen davon aus, dass die meisten Sportler dopen, weil diese davon ausgehen, dass die anderen auch dopen?

Berger: Ein Spitzensportler ist ja keine eigene Spezies Mensch, der ist ein Mensch wie du und ich. Der tut alles und legitimiert für sich alles, was seine Leistung fördert. Der denkt Tag und Nacht daran, wie er sich steigern kann.

Standard: Gesundheitliche Spätfolgen, von denen so oft die Rede ist, klammert er aus?

Berger: Spitzensport ist generell ungesund. Viele werden hoffen, dass sie nicht betroffen sind, genauso wie sie hoffen, nicht erwischt zu werden. Ein Denkmuster. Außerdem gibt's zu Spätfolgen keine Statistiken, außer vielleicht aus der DDR-Dopingsteinzeit. Ich kenne viele gesunde Ex-Spitzensportler und viele Hobbykicker, die nicht mehr g'scheit gehen können.

Standard: Ärzte werden aber zu den Dopinghintermännern gezählt, die auch in Österreich nun strafrechtlich verfolgt werden können.

Berger: Und dennoch erwischt es kaum einen. Weil fast jeder Sportler alles abstreitet. Zumindest bis zur B-Probe, wenn nicht länger. Da kommen die Geschichten von der Zahnpasta und vom verunreinigten Nahrungsergänzungsmittel. Sportler singen nicht.

Standard: Fordert deshalb der Vierte keinen Schadenersatz, wenn dem Dritten Monate später Doping nachgewiesen wird? Auch wenn der Dritte monatelang abgefeiert wurde, Werbegelder kassiert und lukrative Verträge abgeschlossen hat?

Berger: Jeder Sportler weiß, dass er mit seinem Arzt und mit den anderen Sportlern und mit deren Ärzten in einem Boot sitzt.

Standard: Professor Holdhaus hat nachgewiesen, dass der gedopte Gewichtheber Jürgen Matzku ungedopt dieselbe Leistung erbringen konnte wie zuvor. Matzku stemmte sogar einen Rekord.

Berger: Die haben sicher einen guten Job gemacht. Bloß wäre Matzku, wenn er dann zusätzlich gedopt hätte, noch besser gewesen.

Standard: Aktuell sieht es so aus, als hätten die Dopingfahnder den Dopern ein Schnippchen geschlagen - mehr als ein Etappensieg?

Berger: Sicher nicht. Dieses Spielchen wird seit Jahrzehnten gespielt. Cera wird jetzt von der Bildfläche verschwinden, aber viele Sportler sind schon zwei Schritte weiter. Ich bin sicher, es gibt Mittel, von denen wissen die Jäger noch gar nicht, dass es sie gibt. Auch die Geschichte von einer aussterbenden Doper-Generation und den neuen, cleanen Jungen gibt's seit dreißig Jahren.

Standard: Doping freizugeben - wäre das für Sie die Lösung?

Berger: Zumindest wäre das konsequent, würde man damit die Latte dorthin legen, wo sie auch sonst in der Gesellschaft liegt. Der andere Weg, wie gesagt, führt über drakonische Strafen. Derzeit hat einer, der dopt, ja weniger zu befürchten als einer, der in einem Geschäft einen Lippenstift stiehlt.

Standard: Wie haben Sie als ehemaliger Sprinter die Weltrekorde des Jamaikaners Usain Bolt in Peking erlebt und beurteilt?

Berger: Ich weiß zu viel, um solche Leistungen zu hinterfragen. Bolt ist trotzdem ein Ausnahmeathlet, ich hab trotzdem eine Gänsehaut gekriegt. Trotzdem imponieren mir Leistungen wie jene von Bolt oder auch von Kohl. Diese Leistungen sind geil, diese Leistungen sind top. Ich will's ja so, ich will Spitzenleistungen, ich will Rekorde. Da bin ich ja nicht der Einzige - die meisten wollen das. (Mit Andreas Berger sprach Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 15.10. 2008)

 

Zur Person:
Andreas Berger (47), Hallen- Europameister 60 Meter (1989), hält seit 1988 den österreichischen Rekord über 100 Meter (10,15). 1993 positiv getestet, zurückgetreten. Besitzer einer Werbeagentur (bcgroup). Als begeisterter Nicht-, weil Ex-Raucher ab kommenden Montag in der ATV-Doku-Soap "Ein Ort wird rauchfrei".

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