"Hellboy II": Die Rückkehr des gutmütigen Höllensohnes

14. Oktober 2008, 18:32
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Der Mexikaner Guillermo del Toro hat "Hellboy II" inszeniert: Ein STANDARD-Gespräch zum Kinostart am Freitag über Superhelden und die Arbeit als Schmuggler in Hollywood

STANDARD: Hellboy, der gutmütige Höllensohn, ist ein Außenseiter selbst unter den Superhelden. Stimmt es, dass die Studios zögerlich an eine Fortsetzung gingen?

del Toro: Das war irgendwie verständlich, denn der erste Film wurde nicht richtig vermarktet. Er startete weltweit mit großen Abständen. Erst als die DVD sehr erfolgreich war, wurde klar, dass in dieser Figur echtes Potenzial steckt. Zu diesem Zeitpunkt hatte aber Revolution, die den ersten Hellboy produziert hatte, praktisch zu existieren aufgehört. Ich war gerade in Preproduction zu Pan's Labyrinth, gleichzeitig ging ich mit dem Drehbuch zu Hellboy II hausieren. Überall hörten wir: Ja, machen wir, aber nur um zehn, 15 Millionen Dollar weniger. Das wollte ich nicht. Universal war das letzte Studio, zu dem wir gingen. Es läuft immer auf das letzte Studio hinaus.

STANDARD: Sie gelten als ein Regisseur, der wie ein Liebhaber arbeitet - sie mögen altmodische Techniken und haben eine barocke Fantasie. Macht das die Studios nervös?

del Toro: Ich komme in Schwierigkeiten, wenn ich mir Entscheidungen in Hinsicht auf meine Karriere überlege. Deswegen mache ich nie die Filme, die mir mein Agent dringend ans Herz legt. Selbst bei Hellboy II behielt das Studio die Hälfte meines Gehalts ein, damit ich das Budget nicht überziehen würde. Ich bin eben hungrig - mehr Süßigkeiten, mehr Spielzeug, mehr Spaß, mehr Geschichten. Ich bin da völlig verantwortungslos.

STANDARD: In "Hellboy II" herrscht auf jeden Fall eine aufgeräumte Stimmung, bedenkt man, wie ernst es da um die Welt steht und welche sagenhaften Kreaturen zu bekämpfen sind.

del Toro: Ich wollte einen Feind, der starke moralische Prinzipien hat. Ich identifiziere mich natürlich mit Hellboy - er ist reinen Herzens, hat große Augen auf die Welt, und er will trotz seiner Hörner und seiner ganzen Ungeschlachtheit gemocht werden. Die Superhelden als Genre kommen aus der Pulp Fiction, aus einer Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen ist es nicht mehr so leicht, die Welt in Gut und Böse zu unterteilen. Superheldenfilme unterscheiden sich heute eher dadurch, dass sie für oder gegen das System sind. Watchman wird demnächst als Film herauskommen - das ist ein komplizierter Typ! Das Buch ist wahrscheinlich die beste Graphic Novel, jedenfalls im Superheldengenre. Alan Moore druckst nicht herum, jeder kennt ihn als Linken und brillanten Analytiker.

STANDARD: Agent Krauss ist eine neue Figur in "Hellboy II". Ein Deutscher, der aus Gas besteht, hat für Unmut gesorgt.

del Toro: Die Kritiker sind da vielleicht überheikel. Krauss bringt niemanden um. Das Gas ist belebend, es ist seine Substanz. Er ist der Bürokrat, ein Niemand, nur eine Stimme ohne Körper. Genau genommen ist Johann Krauss ja Österreicher, aber für Hellboy ist er ein typischer Deutscher. Mit Hellboys historischer Erfahrung mit den Nazis verschwindet dieser Unterschied natürlich leicht.

STANDARD: Was reizt Sie so daran, mit Trickfiguren zu arbeiten, wo das doch auch im Computer machbar wäre?

del Toro: Es ist eine sehr teure, sehr schwierige Kunst, die wir am Leben erhalten müssen. Digital ist für mich nur die letzte Möglichkeit. Es gibt einen Unterschied in der Anmutung, und in einem Genrefilm ist das entscheidend. Der Künstler ist so wichtig wie die Geschichte. Wenn man auf die Puppen verzichtet, ist das ein ganz anderer Film. Ich komme aus einer Firma, die Tricks gemacht hat - das ganze Repertoire, das wir im Kino kennen. Für mich gab es nie einen Unterschied zwischen Regie und den Abteilungen für Spezialeffekte. Ich bin da obsessiv und beute meine Teams unglaublich aus.

STANDARD: Bei dem Science-Fiction-Film "Mimic" (1997) stand Ihre Arbeit einmal ein wenig auf der Kippe. Was ging damals vor sich?

del Toro: Das Studio dachte an so etwas wie Alien 3 ½. Ich mag 80 Prozent von Mimic, und 20 Prozent hasse ich zutiefst. Die Schaben waren bei mir ursprünglich Käfer; und ich wollte keine Schießereien, keine Explosionen und kein Happy End. Der Film hat Schießereien, Explosionen und ein Happy End. Ich wollte auch, dass Susan mit einem schwarzen Mann zusammen ist und dass sie am Ende ein mexikanisches Kind bei sich haben - nicht die Weißen allein sollten die Insekten überleben. Mimic ist aber immer noch dunkel, nass und ekelhaft. In dieser Hinsicht ist es weiterhin mein Film. Diese sinnlichen Qualitäten bemerken die Studios nämlich nicht: Form und Farbe als Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Ich kenne den Radar der Studios und weiß, was ich darunter durchschmuggeln kann.

STANDARD: Jetzt sitzen Sie am vielleicht wichtigsten Stoff im gegenwärtigen Kino, an der Adaption von J. R. R. Tolkiens "Hobbit".

del Toro: Ja. Philippa Boyens, Fran Walsh, Peter Jackson und ich schreiben gerade das Drehbuch. Dabei geht es momentan vor allem darum, was sich aus dem Buch übernehmen lässt und worauf wir verzichten müssen. Das dauert jetzt viele Monate, parallel arbeiten wir eineinhalb Jahre an den ganzen Entwürfen, bevor wir überhaupt mit der Preproduction beginnen. Wir werden an die Trilogie Der Herr der Ringe anschließen, aber 80 Prozent werden neu werden. Ian McKellen und Andy Serkis werden wieder dabei sein, der Rest ist im Fluss. Wir sind wie eine Kinderbande, die Stimmung ist wunderbar. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 10. 2008)

Zur Person
Guillermo del Toro, geboren 1964 in Mexiko, gelang u. a. nach Arbeiten fürs TV 1993 mit der mexikanischen Horrorfilm-Produktion "Cronos" der internationale Durchbruch. Seither wechselt er zwischen Hollywood ("Mimic") und Europa ("Pan's Labyrinth"), außerdem ist er als Produzent tätig.

  • Ein Superheld reinen Herzens, der "trotz seiner Hörner und der ganzen
Ungeschlachtheit" geliebt werden will: Ron Perlman in "Hellboy II: The
Golden Army".
    foto: upi

    Ein Superheld reinen Herzens, der "trotz seiner Hörner und der ganzen Ungeschlachtheit" geliebt werden will: Ron Perlman in "Hellboy II: The Golden Army".

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