"A deitscha Mann, dea tuat nit wanan"

15. Oktober 2008, 07:33

Es scheint, als versinke Kärnten nach dem Tod Haiders in einer Art kollektive Lady-Di-Hysterie - Ein STANDARD-Lokalaugenschein

Klagenfurt - "Na sag schön, wo gemma denn hin?" , beugt sich der bärtige Opa hinunter. Fabian trägt mit beiden Händen eine schwere rote Kerze vor sich her. "Zu unserem Landeshauptmann" , flüstert der Kindergartenknirps. "Er ist gestorben, ein Auto is' in ein anderes reingfahren" . Opa Peter K. murmelt: "Das haben wir ihm so erzählt. Die Wahrheit wär noch viel zu brutal für ihn."
Der Kleine müsse ja noch nicht wissen, dass der Landeshauptmann mit einem Höllentempo unterwegs war. Aber irgendwie soll halt auch die Enkelgeneration mitbekommen, "welcher Landesvater" dieser Jörg Haider, "der immer für uns da war" , gewesen sei. Opa und Enkel gehen geradewegs aufs "Lichtermeer" zu. Vor dem Landesregierungsgebäude flimmern hunderte Grablichter und beleuchten letzte Botschaften an den Verstorbenen ("König der Kärntner Herzen" ). "Wir verdanken ihm ja so viel" , schluckt ein junger Vater schwer, der seinen kleinen Sohn Sascha mitnahm in den mit Trauerkerzenqualm gefüllten Vorraum. Mit Blockbuchstaben kritzelte der Erstklassler seinen Namen ins Kondolenzbuch.

Ältere Damen, Soldaten mit geschulterten Sturmgewehren, junge Mütter, alte Männer, Glatzköpfe, Jeansanzugträger mit Flinserl, Erstwähler tragen sich ins Buch ein. Christoph Merl ist 17. Er fand ihn toll, "weil ihm Politik egal war" . Freund Thomas Greier ist 16. Thomas sagt, "er war so menschlich, als ob er einer von uns gewesen wär" . Ob sie seiner Person wegen hier seien oder auch BZÖ gewählt haben? "Sichalich" hätten sie auch "orange" gewählt, Die vereinte Trauer, die hier vor der Klagenfurter Landesregierung zelebriert wird und die längst zu einer Kärntner Kopie einer Lady-Diana-Hysterie stilisiert wird, ist in erster Linie getragen - so vermittelt es zumindest der Standard-Lokalaugenschein - von der Betroffenheit der Anhänger des BZÖ.

Trauerarbeit bis zur Wahl

Die Trauer wirkt optisch perfekt - wie auch vor der BZÖ-Zentrale in der Karfreitstraße 4. Parteifunktionäre drapierten hier einen kleinen Lichterteppich, arrangierten die Kerzen effektvoll um das Bildnis des Verstorbenen, die schwarze Fahne ist schräg ins Stillleben gezogen. Eine inszenierte Trauer?

Es wird an allen Orten am Haider-Mythos gearbeitet. Im Hinblick auf die kommenden Wahlen, sagen kritische Kommentatoren, die keine Lichter anzünden und auch nicht genannt werden wollen. Das BZÖ werde die Trauerarbeit bis zur Wahl hinziehen und weiter kreativ an der "Kultfigur Haider" , dem Draufgänger, der es dem verhassten Establishment gezeigt hatte, dem Grenzüberschreiter, arbeiten.

Kritik verpufft. Alle Mythen, die braunen Facetten, die bösen, abgründigen Gerüchte: Alles perlt ab. Sie sind vielmehr Bausteine für den Heroenkult des Outlaws.

Selbst Fabians Opa, der Haider-Fan, hält es für durchaus denkbar, dass - getragen vom Mythos - viele Kärntner "posthum quasi in Memoriam" noch einmal Haider wählen werden. "Dann ist aberSchluss, dann ist die Haiderei vorbei" , sagt Helmut Semitschnig, Haider-Freund seit 30 Jahren.

"Vergiftetes Klima"

Im Restaurant Domstöckl ist eine Totenecke eingerichtet. Zwei schwarze Engel aus Porzellan mit Teelichtern in Händen wachen über dem Porträt des Verstorbenen, dem einige Zeilen gewidmet sind: "A deutscha Mann, dea tuat nit wanan - Pfiati Gott" . Um irgendwelchen Fragen zuvorzukommen, beeilt sich die Kellnerin: "Na na, des is total okay, dass das do steht." Dass ein Stammgast das Bild aufgestellt habe.

Ist ja nichts Besonderes. Auch Helmuth Semitschnig, der Weltenbummler, hat im In-Lokal "Pumpe" eine kleine Gedenkstätte errichtet. "Waaßt, er war einfach anders. Des bin i ihm schuldig." Mitten in einer Menge von Tausenden von Menschen habe er ihm einmal auf die Schulter geklopft und gesagt: "Du ah do?" A Wahnsinn. Das verbinde eben.

Je weiter weg von der Landeshauptstadt, desto spärlicher sind die Sichtzeichen der Trauer. Josef Komar arbeitet in der zweisprachigen Gemeinde Eberndorf im Süden Kärntens im dortigen slowenischen Kulturzentrum. Komar: "Ich sag Ihnen, 40 Prozent der Kärntner sind froh, dass jetzt ein bissl Ruhe ins Land einkehrt. Für mich war sein Tod kein Schock. Ich mein, er hat gegen die da oben gewettert und selber alle Privilegien genossen. Es fehlt jetzt gerade noch, dass die Frau, die er überholt hat, die Schuld am Tod bekommt. Ich bin fest überzeugt, nach der Wahl ist er Geschichte." Es gebe auch die andere Haider-Wirklichkeit ohne Lady-Di-Glamour. Er trage keine Trauer, wie viele andere auch. Zu sehr habe er in den vergangenen Jahren Angst, Ausgrenzung, Unterdrückung gespürt. Weil er Slowene sei. Das Klima hier sei "total vergiftet" . Überall herrsche Misstrauen.

Dass Haiders "Lebensmensch" Stefan Petzner nun das Kommando im BZÖ übernommen habe, mache ihm Angst. Es werde die Zeit kommen, wenn die Trauer vorbei sein wird. Und dann stehe mit Petzner "ein Hardliner" vorne. (Walter Müller/DER STANDARD-Printausgabe, 15. Oktober 2008)

Aufgrund der großen Anzahl an pietätlosen Postings sieht sich derStandard.at gezwungen, zu diesem Thema ausnahmsweise nur ein beschränktes Forum einzurichten.

  • Sehr persönliche Abschiedsgrüße im Kerzenmeer vor der Landesregierung: Als sei ein naher Verwandter gestorben.
    foto: gubisch

    Sehr persönliche Abschiedsgrüße im Kerzenmeer vor der Landesregierung: Als sei ein naher Verwandter gestorben.

  • Helmut Semitschnig, der Weltenbummler, hat im Klagenfurter In-Lokal "Pumpe" eine Gedenkstätte eingerichtet: "Das bin ich ihm schuldig".
    foto: gubisch

    Helmut Semitschnig, der Weltenbummler, hat im Klagenfurter In-Lokal "Pumpe" eine Gedenkstätte eingerichtet: "Das bin ich ihm schuldig".

  • Vor der BZÖ-Zentrale in Klagenfurt wird die Trauer um den Chef mit großer Umsicht und Detailgenauigkeit inszeniert.
    foto: gubisch

    Vor der BZÖ-Zentrale in Klagenfurt wird die Trauer um den Chef mit großer Umsicht und Detailgenauigkeit inszeniert.

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