"Immer längere und tiefere Schnitte"

14. Oktober 2008, 15:49
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Menschen mit Essstörungen fügen sich selbst immer häufiger schwere Verletzungen mit Glasscherben oder Rasierklingen zu

Im Therapiezentrum Weidenhof in Grafenstein lernen Mädchen mit Essstörungen die richtigen Worte für ihr autoaggressives Verhalten zu finden. Regina Philipp im Interview mit der Psychotherapeutin Waltraut Kompein-Chimani, die die Jugendlichen auf ihrem Weg unterstützt.

derStandard.at: Immer mehr Menschen verletzen sich ganz bewusst selbst auf die unterschiedlichste Art und Weise. Ist die Lust am Schmerz modern geworden?

Kompein-Chimani: Mit der Jugendbewegung Emos sind Selbstverletzungen auch zu einer Modeerscheinung geworden. Aber auch wenn es modern ist, ein Suchtverhalten steckt immer dahinter.

derStandard.at: Warum werden auch magersüchtige und bulimische Menschen immer häufiger süchtig danach sich zu verletzen? Ist die Essstörung allein nicht mehr Selbstverletzung genug?

Kompein-Chimani: Tatsächlich hat sich die Zahlen derer, die nicht nur durch Hungern und Erbrechen ihrem Körper Schaden zufügen, in den letzten Jahren vervielfacht. Der Grund ist: Wenn mit der Essstörung die Spannungsabfuhr nicht mehr ausreicht, dann kommt das Schneiden dazu. Wir nennen das Duplikation.

Oft werden die Mädchen durch andere süchtige Mädchen zur Selbstverletzung auch animiert. Wenn sie dabei erfahren, dass sich mit der Verletzung eine anschließende Erleichterung einstellt, dann entwickelt dieses Verhalten eine Eigendynamik und wird neben der Magersucht oder Bulimie wiederum zur eigenen Sucht.

derStandard.at: Sie reden nur von Mädchen. Was ist mit den Buben?

Kompein-Chimani: 97 Prozent aller Patienten sind weiblich. Der männliche Anteil wird aber größer und keiner weiß wie groß die Dunkelziffer ist.

derStandard.at: endet denn mit dem Erwachsenenalter die Selbstzerstörung?

Kompein-Chimani: Selbstverletzendes Verhalten gibt es mittlerweile in fast jeder Altersgruppe. Hier am Weidenhof war unsere jüngste Patientin sieben Jahre alt. Die älteste war 53 bei Ausbruch der Erkrankung.

derStandard.at: Autoaggression ist also eher weiblich?

Kompein-Chimani: Ja. Es ist sogar typisch weiblich. Die männliche Aggressionsabfuhr ist die Fremdaggression. Buben schlitzen Autoreifen auf, schlagen Scheiben ein und sind in Schlägereien verwickelt. In zwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich kein Mädchen kennen gelernt, dass seine Aggression gegen andere gerichtet hat. Viele würden sich eher selbst die Hand abschneiden, als jemanden anderen zu verletzen.

derStandard.at: Wollen sich diese Frauen damit vielleicht umbringen?

Kompein-Chimani: Das kann ich generell verneinen. Eine sich selbstverletzende Persönlichkeit will sich nicht suizidieren. Es besteht jedoch die Gefahr, dass ein ungewollter Suizid passiert. Denn wie bei jeder Sucht, muss ein Reiz immer stärker werden, damit er zur Entspannung führt.

Am Anfang genügt vielleicht schon ein kleines Ritzen. Die Schnitte werden aber mit der Zeit immer größer, länger und tiefer. Wenn dabei ein großes Gefäß getroffen wird, dann kann man durchaus daran verbluten.


derStandard.at: Warum können Betroffene nur so Druck abbauen?

Kompein-Chimani: Diese Mädchen befinden sich in sehr bedrängten emotionalen Situationen. Jeder Schnitt ist wie ein Versuch aus der eigenen Haut zu fahren.

derStandard.at: Deshalb wird primär die Form von Schneiden gewählt?

Kompein-Chimani: Die Rasierklinge ist das Mittel der Wahl für Selbstverletzer. Es werden aber auch Glasscherben oder Konservenbüchsen zum Schneiden verwendet. Manche Mädchen schneiden sich nicht, sondern fügen sich Brandwunden zu oder reißen sich die Haare aus. Andere wiederum kratzen immer wieder Wunden auf und lassen sie nicht verheilen.

derStandard.at: Wie werden die Schmerzen wahrgenommen?

Kompein-Chimani: Das Schmerzempfinden ist in diesem Moment stark herabgesetzt. Die Verletzungen sind zum Teil so schwer, dass ich immer wieder staune, wie die Mädchen das ertragen. Ich würde schreien vor Schmerz.

derStandard.at: Hassen sich diese Mädchen selbst?

Kompein-Chimani: Sie projizieren den Hass nur auf sich selbst. In Wahrheit sind es andere Personen die sie hassen oder die für ihre Schmerzen verantwortlich sind. Sie sind aber nicht in der Lage ihre Aggressionen nach außen zu richten.

derStandard.at: Das heißt hinter der Selbstverletzung steckt immer ein vorangegangenes Trauma?

Kompein-Chimani: Ja. Diese Mädchen oder Frauen wurden alle in ihrer Kindheit auf irgendeine Art und Weise erheblich verletzt. Dass was ihnen angetan wurde, geben sie im Sinne der Identifikation mit dem Täter, an sich selbst weiter.

derStandard.at: Sie bestrafen sich selbst anstelle des Täters?

Kompein-Chimani: Nicht nur, es kann auch eine Belohnung darstellen. Das Gefühl sich wieder einmal spüren zu können ist etwas schönes. Entscheidend ist, die Selbstverletzung ist immer als Lösungsversuch zu werten.

derStandard.at: Was sind das für kindliche Traumata?

Kompein-Chimani: In vielen Fällen steckt ein Zerfall der eigenen Familie dahinter. Vielen Kindern fehlt heute die Geborgenheit, die Fürsorge, der Halt und der Trost in ihrer Familie. In der Selbstverletzung steckt auch die Selbstfürsorge. Wenn man sich verletzt, dann holt man sich über Umwege, die Fürsorge anderer Menschen. Und sei es nur durch das Krankenhauspersonal, dass sich um die Verletzung bei der Wundversorgung kümmert.

derStandard.at: Ist Familie das, was die Mädchen während einer Therapie am Weidenhof bekommen?

Kompein-Chimani: Ja. Wir haben hier Wohngemeinschaften gebildet, die sehr familiär geführt sind. Wir bilden eine große Familie, in der die Mädchen die Zuwendung bekommen, die ihnen fehlt. Wichtig ist die Akzeptanz und Toleranz untereinander. Wenn ein Mädchen das Messer gegen sich selbst richtet, dann hat es gute Gründe dafür.

Vorwürfe sind hier fehl am Platz. Gefragt sind viel Geduld und Verständnis. Wir verlangen auch von keinem Mädchen, anderes zu sein als es ist. In vielen Familien ist das leider keine Selbstverständlichkeit.

derStandard.at: Wie finden diese Mädchen den Weg zurück in ein Leben draußen?

Kompein-Chimani: Der Weg zurück ins Leben, raus aus der Selbstzerstörung, in die Kreativität und Lebensfreude ist immer ein sehr individueller. Die Mädchen lernen mit der Zeit Worte für ihre Taten zu finden, ihre Gefühle zu artikulieren, anstelle sich mit der Selbstverletzung zum Ausdruck zu bringen. Am Anfang fällt es sehr schwer den Wunsch nach positiver Zuwendung auch auszudrücken. Deshalb machen wir viele Körperübungen, wo sehr viel Nähe gelebt wird.

derStandard.at: Wann ist das Ziel erreicht?

Kompein-Chimani: Das Ziel der Therapie ist die Selbsterhaltungsfähigkeit. Das beinhaltet nicht nur durch eine berufliche Perspektive, sondern auch die Fähigkeit den eigenen Organismus erhalten zu können. Die Mädchen müssen in der Lage sein, sich ausreichend zu ernähren, nicht mehr zu erbrechen und sich auch nicht mehr zu schneiden. Um ihnen den Schritt nach draußen noch zu erleichtern, wurden Übergangswohnungen in Klagenfurt geschaffen. Dort werden die Mädchen längerfristig von unserem Team betreut.

Kongress Essstörungen 2008

16.-18. Oktober, Alpbach, Tirol
Dieser Kongress ist für Betroffene, Angehörige und ExpertInnen zugänglich.

  • Waltraut Kompein-Chimani: "Mit der Jugendbewegung Emos sind Selbstverletzungen auch zu einer Modeerscheinung geworden."
    foto: privat

    Waltraut Kompein-Chimani: "Mit der Jugendbewegung Emos sind Selbstverletzungen auch zu einer Modeerscheinung geworden."

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