"Wenn wir im Studio gesessen wären, wäre er wahrscheinlich aufgestanden und gegangen"
Hamburg - Zweimal stockte Henry Kissinger und wechselte das Thema: Einmal bei der Frage nach dem Tod des demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende bei dem vom US-Geheimdienst CIA unterstützten Militärputsch 1973. Und dann bei seinen Frauenaffären. "Wenn wir im Studio gewesen wären, wäre er wahrscheinlich aufgestanden und gegangen", meint Stephan Lamby, "aber wir waren ja bei ihm zu Hause in seinem Gästehaus bei New York. Da ging das schlecht." Zwei Tage lang saß dort der Dokumentarfilmer Lamby dem heute 85-jährigen Träger des Friedensnobelpreisträger für das "Arte"-Porträt gegenüber.
Von Kissinger stammt der berüchtigte Ausspruch zu Chile: "Ich weiß nicht, warum wir untätig zusehen sollten, wie ein Land wegen der unverantwortlichen Entscheidung seiner Bürger kommunistisch wird." Mit aktiver Unterstützung der USA wurde die Lage in dem südamerikanischen Land dermaßen chaotisch, dass sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 blutig an die Macht putschte. Dem Staatsstreich vorausgegangen war die gezielte Destabilisierung der Regierung Allende, die mit ihrer Verstaatlichungspolitik (insbesondere Kupferminen) in Konflikt zu den strategischen Interessen der USA geraten war.
Henry Kissinger - Geheimnisse einer Supermacht"
Zu dem Arte-Interview führte ein langer Weg. Schon im Jahr 2000 gab es eine schroffe Absage, als Lamby den früheren Sicherheitsberater und US-Außenminister für einen Film über Friedensnobelpreisträger gewinnen wollte. Fünf Jahre später folgte ein Briefwechsel, schließlich ein Gespräch, bei dem es nicht zuletzt um Fußball ging. Fußball-Fan Kissinger fasste Vertrauen, lud Lamby ein. Und stand ein erstes Mal überhaupt für ein ausführliches Interview über sein gesamtes Leben zur Verfügung. So entstand der 90 Minuten lange Film "Henry Kissinger - Geheimnisse einer Supermacht", den der französisch-deutsche Sender Arte an diesem Mittwoch (21.00 Uhr) zeigt. Lambys menschliches Fazit: "Ein Grandseigneur, unbedingt. Der Elder Statesman, der durch Intellekt und Sprache besticht. Auch einer, der gut mit Journalisten umzugehen weiß. Als Politiker wohl mehr der Pragmatiker als der Visionär, dessen Vision sein Pragmatismus ist."
Aber er sieht ihn nicht unkritisch. Das lange gepflegte Klischee vom finsteren Präsidenten Richard M. Nixon und der Lichtgestalt Kissinger stimme sicher nicht. Auch die von Lamby in eigenen Interviews herangezogenen Zeitzeugen - vom schon sterbenskranken Norman Mailer bis zum Präsidenten George W. Bush, zu dessen wichtigsten Beratern Kissinger noch immer gehört - setzen manches kritische Fragezeichen hinter das Wirken des Staatsmannes: Hat er wirklich auf Beendigung des Vietnam-Kriegs gedrungen und ihn nicht eher, um Nixons Wahlchancen zu steigern, unnötig verlängert? Und ein wunder Punkt bleibt Chile. (APA/dpa)