Lila Tee aus dem Chemiesaal

14. Oktober 2008, 16:00
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In Österreich gibt es zu wenige ChemikerInnen - Bei den Aktionstagen "Faszination Chemie" versucht man das zu ändern - eine derStandard.at-Reportage

Rotkraut zum Blaukraut machen. Creme-Eis mit Stickstoff herstellen. Dosen mittels Backpulver und Essig in die Luft jagen. In den österreichischen Chemiesälen herrscht diese Woche Hochbetrieb. An der Kooperativen Mittelschule (KMS) Steinbauergasse steht das Experimentieren mit Flüssigkeiten auf dem Programm. Zu viert sitzen SchülerInnen der vierten Volksschulklasse Habergasse an den verschiedenen Tischen und lassen sich von SchülerInnen der KMS und Chemielehrer Gerald Grois anweisen. Zuerst wird Wasser unter dem Bunsenbrenner zum Kochen gebracht, dann Tee gemacht. Erstmals halten die SchülerInnen Pipetten in Händen und der Lehrer erklärt, dass man sie zuerst zusammendrücken muss, um dann die Flüssigkeit aufsaugen zu können. Dann wird der Tee mit Zitronensäure und Waschmittel gefärbt.

Nur zwei Stunden in der Unterstufe

Es herrscht ein reges Treiben, aufgeregt schreien die Kinder herum. Von Ruhe keine Spur. Da wird klar, warum es sich manche Lehrer im Chemieunterricht ersparen, vom reinen Frontalunterricht abzuweichen und stattdessen gemeinsame Experimente zu machen. "Es braucht in vielen Fällen eine zweite Aufsichtsperson, um niemanden zu gefährden und den Unterricht einigermaßen zügig voranzubekommen. Das kostet natürlich Geld", sagt Peter Untersperger, Obmann vom Fachverband der Chemischen Industrie Österreich (FCIO). Er möchte mit den Aktionstagen "Faszination Chemie" die Aufmerksamkeit auf den Chemie-Unterricht lenken, der vielerorts nicht die Anerkennung und Ressourcen erhält, die er benötigen würde. "Für Chemie sind im Lehrplan der Unterstufe nur zwei Stunden eingeplant, während es für Biologie acht und für Physik sechs Stunden gibt. Das ist eindeutig zu wenig",  sagt Untersperger. Er möchte Chemie schon im Sachunterricht der Volksschule einbauen.

Mehr fächerübergreifende Projekte

Ein Vorschlag, den auch Ralf Becker, Vizepräsident des Verbands der Chemielehrer Österreichs (VCÖ), unterstützt: "Mit 14 Jahren kann man die Schüler nur mehr schwer für Chemie begeistern. Da haben sie anderes im Kopf." Zusätzlich zur Ausweitung der Schulstunden brauche es auch mehr fächerübergreifende Projekte zwischen den Fächern Biologie, Physik und Chemie, die sehr eng miteinander verwandt sind. Die Forderungen an das Unterrichts-Ministerium werden auch mit Hinblick auf das schlechte PISA-Ergebnis in den naturwissenschaftlichen Fächern argumentiert. Dass es um die Lehrmittel und Räumlichkeiten nicht zum Besten steht, dafür gibt das winzige Chemie-Kammerl von Lehrer Grois ein gutes Beispiel ab.

Hohe Drop-Out-Quote

Warum diese Sorge um den Chemie-Unterricht? Österreich hat immer weniger qualifizierte ChemikerInnen für den Arbeitsmarkt. "Wenn wir so weiter machen, werden noch mehr Labors geschlossen und Unternehmen ins Ausland abwandern", glaubt Untersperger. "In 10 bis 15 Jahren werden wir die Rechnung für die geringe Chemie-Stundenanzahl bekommen."

Ungefähr 150 Maturanten beginnen jedes Jahr ein Chemie-Studium. Die Hälfte davon sind Frauen, Tendenz steigend. Doch schon nach kurzer Zeit verringert sich die Studierendenanzahl um bis zu fünfzig Prozent. Untersperger glaubt die Gründe, für die hohe Drop-Out-Quote zu kennen: "Chemie ist eine schwierige Materie. Das Studium ist anspruchsvoll. Es ist viel englische Fachliteratur zu lesen, viele Laborarbeiten sind zu machen. Doch es gibt viele Studierende, die nicht wissen worauf sie sich einlassen, weil sie ursprünglich vorgehabt haben Medizin zu studieren."

Neugier der Chemielehrer steckt an

Auch Ralf Becker glaubt zu wissen, warum so viele Chemie-Studierende das Studium wieder abbrechen: "Es gibt einfach sehr viele Maturanten, die nach der Schule keine Ahnung haben, was sie studieren sollen. Dann studieren sie zum Beispiel Lehramt. Und weil man als Chemielehrer schneller einmal Stunden bekommt, nehmen sie das als Zweitfach dazu." Später würde sich dann herausstellen, dass das Studium gar nicht das richtige ist. "Aber das betrifft ja viele Studienfächer."

Wie also kann man den Chemie-Unterricht spannend gestalten - auch für jene, die auf den ersten Blick keine Begeisterung für Chemie haben? "Ich führe die Schüler vom Bekannten zum Unbekannten. Natürlich darf man sich selbst als Lehrer nicht zu wichtig nehmen. Gleichzeitig sollte man sich die Neugier aus der Kindheit bewahren -wie schon Erich Kästner sagte: Die meisten Erwachsenen legen ihre Kindheit ab, wie einen alten Hut. Das sollte für einen Chemielehrer nicht gelten", sagt Chemielehrer Grois. Die Kinder jedenfalls haben ihren Spaß am Unterricht. Da wird doch glatt auch einmal die Pause vergessen, wenn man Malven-Tee mit Essig lila färben darf.(Teresa Eder/derStandard.at, 14.10. 2008)

  • Die Volksschülerinnen der VS Haebergasse hantieren zum ersten Mal mit Pipetten.
    foto: derstandard.at/eder

    Die Volksschülerinnen der VS Haebergasse hantieren zum ersten Mal mit Pipetten.

  • Mit Schutzbrille ausgerüstet wird der Tee verfärbt.
    foto: derstandard.at/eder

    Mit Schutzbrille ausgerüstet wird der Tee verfärbt.

  • Lehrer Grois teilt Zitronen zum Experimentieren aus.
    foto: derstandard.at/eder

    Lehrer Grois teilt Zitronen zum Experimentieren aus.

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