Panzeraufträge rollen von Wien weg

13. Oktober 2008, 19:30
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Das Bundesheer kauft 300 gepanzerte Fahrzeuge - aber nicht jene Radpanzer, die es brauchen würde - bei Steyr SSF bangt man daher um die Zukunft von 560 Arbeitsplätzen

Das Bundesheer kauft 300 gepanzerte Fahrzeuge – aber nicht jene Radpanzer, die es eigentlich brauchen würde. Bei der Wiener Waffenschmiede Steyr SSF bangt man daher um die Zukunft von 560 Arbeitsplätzen in Simmering.

Wien – Wenn Generalstabschef Edmund Entacher von seiner Dienstreise in die Schweiz zurückkehrt, wird er einen geharnischten Brief von Steyr SSF auf seinem Schreibtisch finden. Die Panzerproduzenten in Wien-Simmering ersuchen darin um dringende Aufklärung, warum sie bei zwei Ausschreibungen für gepanzerte Fahrzeuge nicht zum Zug gekommen sind. In Simmering vermutet man unlauteren Wettbewerb und verweist darauf, dass 560 Arbeitsplätze, die derzeit mit der Produktion von Pandur-Radpanzern ausgelastet sind, auf dem Spiel stünden.

Es geht um zwei Aufträge, deren Ausschreibung noch unter dem damaligen Verteidigungsminister Günther Platter (ÖVP) vorbereitet wurde: Gesucht wurde nach einem sogenannten "Allschutzfahrzeug" (145 Stück mit einer Option auf weitere 75) und einem "geschützten Mehrzweckfahrzeug". Es galt von Anfang an als ausgemacht, dass der sechsrädrige Steyr-Pandur nicht in Betracht gezogen würde, weil explizit nach vierrädrigen Vehikeln gesucht wurde.

Steyr SSF – ein Tochterunternehmen von General Dynamics – sah sich schon durch die Ausschreibungskriterien benachteiligt, bot aber dennoch mit: Im Angebot war jeweils eine Österreich-Version des von Mowag entwickelten "Eagle" und des auf einer südafrikanischen Entwicklung basierten "RG31", der in Lizenz von BAE Systems in Österreich produziert werden sollte.

Steyr SSF erfuhr, dass es bei beiden Aufträgen nicht auf der Shortlist gelandet ist und begehrt nun Aufklärung über die Gründe dafür. Eine Drohung mit rechtlichen Schritten steht im Raum.

Aus dem Verteidigungsministerium gibt es dazu keinen Kommentar – allerdings wird darauf hingewiesen, dass das Vergabeverfahren "sehr weit fortgeschritten" sei.

Erwartet wird allgemein, dass sich der bereits im Bundesheer eingeführte, in der Praxis aber mit vielen Problemen behaftete "Dingo" durchsetzen wird. Platter hatte 35 Stück dieses bei Krauss-Maffei gebauten Fahrzeugs beschafft – weitere Fahrzeuge sollten bei Empl im Tiroler Zillertal gebaut werden.

Falls die "Dingos" denn die Ausschreibung gewinnen: Im Rennen ist nämlich auch der als überlegen geltende "PMV Survivor II", der vom Tiroler Hersteller Achleitner angeboten wird. Bei dem 14 Tonnen schweren Panzerfahrzeug handelt sich um eine Gemeinschaftsentwicklung mit MAN – die 145 Fahrzeuge sollten bis 2016 in Wörgl, Steyr und Wien gebaut werden. Bei Empl in Kaltenbach – dieses Unternehmen beliefert das Bundesheer bereits mit Lkws mit Wechselaufbauten – könnten zudem gepanzerte Fahrzeuge auf Iveco-Basis hergestellt werden.

Ganz durch die Finger schauen dürfte Steyr SSF ohnehin nicht. General Entacher sagte bei einem Vortrag vier Tage vor der Wahl: "Uns fehlt das Element des Rad-Schützenpanzers." Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, dass die All- und Mehrschutzfahrzeuge ausreichen – für den Einsatz benötigt man zusätzlich Panzer wie den Pandur. Allerdings brauchte das Heer dafür mehr Budgetmittel. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2008)

  • Steyr-Angebot RG31: Das südafrikanische Modell wurde vom Bundesheer
möglicherweise als nicht kompatibel verworfen - dieser Auftrag für ein
gepanzertes Fahrzeug dürfte nach Tirol rollen.

    Steyr-Angebot RG31: Das südafrikanische Modell wurde vom Bundesheer möglicherweise als nicht kompatibel verworfen - dieser Auftrag für ein gepanzertes Fahrzeug dürfte nach Tirol rollen.

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