Deutscher Buchpreis für Uwe Tellkamp

13. Oktober 2008, 19:34
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DDR-Epos "Der Turm" wurde im Vorfeld der Buchmesse zum "Roman des Jahres" 2008 erklärt - Roman schildert die letzten sieben Jahre der zerfallenden Republik

Der Zeitplan für den Ablauf der Verleihung des vierten Deutschen Buchpreises war präzise: Exakt 18 Minuten, von 18.22 Uhr bis 18.40 Uhr, hatte Moderator Gert Scobel Montagabend Zeit für die Präsentation der sechs Shortlist-Titel. Zwei Minuten, von 18.40 Uhr bis 18.42 Uhr, standen anschließend Gottfried Honnefelder, dem Vorsitzenden des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zur Verfügung für die Bekanntgabe des Preisträgers - inklusive der im Programm erwähnten "Verlesung der Begründung" .

Ein Zeitkorsett, in das sich die Veranstaltung widerstandslos einschmiegte: Pünktlich um 18.40 Uhr erklang der Name des diesjährigen Preisträgers im Kaisersaal des Frankfurter Römers: Uwe Tellkamp. Sein knapp 1000-seitiger Roman Der Turm war von der siebenköpfigen Jury zum "besten deutschsprachigen Roman des Jahres 2008" gekürt worden.

Eine Entscheidung, die weniger überraschend kam als jene der vergangenen Jahre. Entspricht doch Tellkamps Roman geradezu idealtypisch der Vorstellung der Gründer der mit 25.000 Euro dotierten Auszeichnung: einem Roman, der sich jeden sprachlichen Experiments enthält und sich stattdessen, konventionell erzählend, auf gleichwohl hohem Niveau mit deutscher Zeitgeschichte befasst.
Das Vergehen, Verrinnen, Verrieseln der Zeit ist ein Thema, das sich denn auch durch das gesamte Buch zieht. Nahezu auf jeder Seite ticken Uhren, schlagen Pendel, tönen Glocken von Kirchentürmen.

"Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding" , erinnert sich Christian, einer der Protagonisten und Alter Ego des Autors an eine Zeile der Marschallin aus dem "Rosenkavalier" : Ständig vergeht sie, die Zeit - und scheint doch lähmend stillzustehen in jenem Villenviertel im Dresden der letzten Jahre der DDR, von 1983 bis 1989, in dem Uwe Tellkamp seinen großen Familienroman ansiedelt.

"Am Ende bleibt die Lyrik"

Uwe Tellkamp selbst, 1968 in Dresden geboren, hatte von 1977 bis 1986 im Dresdner Viertel Weißer Hirsch gewohnt. Jener Gegend, die dem Roman als Vorbild dient. Mit großer Genauigkeit schildert er das Leben einer weitverzweigten Familie von Chirurgen, Verlagslektoren, Schauspielerinnen und ihrer Kinder - Christian, der Protagonist, ist bei Einsetzen der Handlung 17 Jahre alt - , die sich zurückzieht in eine von Kulturgütern der Vor-DDR-Zeit, von Opern und Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts durchwirkte Privatheit. Keine Idylle. "Die krankhafte Atmosphäre der Häuser ringsum, ihr schweigender Verfall, ihr Schlaf" beunruhigen denn auch den angehenden Medizinstudenten bei aller Liebe für seine Verwandten tief.
Uwe Tellkamp, der Medizin studiert hat und jahrelang als Chirurg in München praktizierte, hatte mit einem Auszug des Romans bereits vor vier Jahren den Bachmann-Preis in Klagenfurt gewonnen.
Liest man die Seiten eingebettet in den 1000-seitigen Roman, befremdet noch immer der seltsam altväterisch wirkende und sichtlich am Vorbild Thomas Mann orientierte Erzählduktus. Doch spiegelt der Ton nicht unstimmig die vergangenheitsorientierte Zeitenthobenheit der in ihm geschilderten Gesellschaft. Wie seine Protagonisten scheint Tellkamp einem erzählerischen Ideal längst vergangener Zeiten verpflichtet.
Dass der Autor selbst die Favorisierung des schlichten Erzählens in der öffentlichen Wahrnehmung durchaus distanziert betrachtet, verrieten seine sympathischen improvisierten Dankworte: "Am Ende bleibt ja doch die Lyrik, die Romane vergehen." (Cornelia Niedermeier aus Frankfurt am Main/DER STANDARD-Printausgabe, 14. Oktober 2008)

  • Sieger der heurigen Shortlist: Uwe Tellkamp
    Foto: dpa

    Sieger der heurigen Shortlist: Uwe Tellkamp

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