Ohne Sikhs gäbe es keinen Parmesan mehr

13. Oktober 2008, 19:04
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    foto: gerhard mumelter

    700 Kühe täglich: Singh Avtar und seine Frau Gauri vor der rotierenden Melkanlage.

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    Im Tempel von Novellara trifft sich die Sikh-Gemeinde zum Gebet und zum gemeinsamen Feiern.

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    Parmesan im Reiferaum: "70 Prozent werden mit Sonderangeboten verschachert."

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Rund 50.000 indische Sikhs melken die Kühe der Poebene - In Novellara steht der zweitgrößte Sikh-Tempel Europas

Novellara - Das Brüllen des Viehs, das vom Freien über eine Rampe ins Innere drängt, hört Singh Avtar längst nicht mehr. Schlafwandlerisch meiden seine braunen Gummistiefel die glitschigen Kuhfladen auf dem Beton. Neonröhren leuchten die Halle nur dürftig aus. Manchmal taucht ein Sonnenstrahl eines der wiederkäuenden Rinder kurz in einen Lichtkegel.

Seine Arbeit könnte Avtar auch mit geschlossenen Augen verrichten. Um 700 Kühe zu melken, bewegt sich der 52-jährige Inder kaum von der Stelle. Wie ein horizontales Riesenrad dreht sich die stählerne Plattform mit dem Fleckvieh langsam im Kreis. Zehn Stunden lang ziehen auf Augenhöhe hunderte praller Euter vorüber. Routiniert stülpt der Inder mit der grünen Gummischürze die vier Melkbecher über die Zitzen der Kühe, die seine Frau Gauri vorher mit Fett bepinselt hat.

Nur selten wechseln die beiden ein Wort. Zwischendurch zieht Avtar einen der bunten Schläuche zurecht oder tippt mit dem Finger auf einen Knopf der automatischen Melkanlage. Über die Monotonie seiner Arbeit will der Sikh nicht klagen. Auch darüber nicht, dass ihn der Daueraufenthalt im Stall "aus hygienischen Gründen" zum Haarschnitt und zum Verzicht auf den Turban zwingt.

Die Beschäftigung in einem der größten Viehzuchtbetriebe Italiens hat seiner Familie einen bescheidenen Wohlstand ermöglicht. Gewiss, die Größenordnung war gewöhnungsbedürftig. "Zu Hause im Punjab hatten wir nur zwei Wasserbüffel, die Milch für den Eigenbedarf lieferten", erzählt er. Dennoch: Einiges hier erinnert ihn durchaus an das fruchtbare Schwemmland seiner westindischen Heimat: die Bewässerungskulturen, das satte Grün der Felder, weidende Kühe, die unzähligen Fahrräder - und die sommerliche Mückenplage.

Am Wochenende radeln Avtar, Gauri und ihre zwei Kinder den Kanal entlang. Durch Pappelalleen und abgeerntete Maisfelder steuern sie auf die Industriezone von Novellara zu. Natürlich hat der dort errichtete Fertigbau nichts gemein mit dem üppigen Prunk des goldenen Tempels von Amritsar, der heiligste Stätte der Sikhs. Immerhin: Zum zweitgrößten "Gurdwara" Europas (das größte steht in England) strömen jedes Wochenende mehrere Tausend Shiks in ihren traditionellen Gewändern. In der weiträumigen Speisehalle wird gemeinsam gegessen, im Obergeschoß trifft sich die Religionsgemeinschaft zum Gebet und zum Feiern ihrer Feste.

Totti sticht den Guru aus

Auch Besuchern wird gerne ein Teller Reis und Gemüse gereicht. Der lichtdurchflutete Tempel mit dem Heiligen Buch steht jedem offen - ohne Schuhe und mit bedecktem Haupt. Zu hören ist hier ausschließlich Punjabi, das bei Kindern oft schon mit italienischen Brocken durchsetzt ist. Die jüngsten Sikh-Generation verehrt Francesco Totti inniger als Guru Nanak und schätzt die Adidas-Kluft mehr als die elterlichen Kniehosen. Bir Gurjot Singh lebt seit zehn Jahren in Novellara. "Ich bin ein Indo-Italiener", gesteht der 18-Jährige unter dem kunstvoll gebundenen Turban. Den lokalen emilianischen Dialekt beherrscht Bir nahezu perfekt, sein Italienisch ist akzentfrei. "Mit zwei Identitäten lebt man besser als mit einer", lächelt der Maturant, der sich für Sozialprojekte engagiert.

Daran fehlt es in Novellara freilich nicht, ist der Ort doch ein für italienische Verhältnisse ungewohnter Schmelztiegel: 65 Nationalitäten leben in der 13.000-Einwohner-Gemeinde südlich des Po. Am Sonntag flanieren die indischen Familien über den Hauptplatz bis zum mächtigen Schloss der Gonzaga. Vorneweg die langen Bärte der Männer, gleich dahinter die farbenfrohen Saris der Frauen. Muslime in weißen Gewändern unterhalten sich vor ihrem Gebetsraum, Grup-pen jugendlicher Chinesen sind in Videospiele vertieft.

Für Bürgermeister Raul Daoli stellt die Multikulti-Kommune eine "tägliche Herausforderung" dar. Wenn er sein zehnstöckiges Wohnhaus verlässt, steigt dem 37-Jährigen "in jeder Etage ein anderer Duft in die Nase": das Frittieröl der Chinesen, der Knoblauch der Pakistani, der Curry der Inder, die Tortellini der Einheimischen. Der Ausländeranteil bewegt sich in Novellara auf die 20 Prozent zu, 36 Prozent aller Geburten entfallen auf Immigrantenfamilien. Dass der Ort "klein, friedlich und überschaubar" ist, erleichtert dem Bürgermeister sein ehrgeiziges Integrationsziel. Doch seit die Lega Nord bei den Parlamentswahlen erstmals Breschen in die traditionell roten Hochburgen zwischen Reggio und Modena schlug, spürt Daoli "einigen Widerstand".

Eine Form der Dummheit

Ausländerfeindlichkeit hält der Unternehmer Ivan Tirabassi für "eine Form der Dummheit". "Wer, bitte, soll denn die Arbeit verrichten, für die sich unsere Leute zu gut sind?", erregt sich der rundliche Industrielle, dessen mittelständisches Unternehmen Bauteile für Fahrzeuge produziert. Die pakistanischen Shiks in seinem Betrieb kommen alle aus derselben Familie. "Brüder, Cousins, Onkel - das erleichtert die Integration. Wenn einer einmal länger Urlaub macht, springen die anderen für ihn ein."

Fabrikarbeit ist unter den Shiks eher die Ausnahme. Rund 50.000 indische Immigranten melken die Kühe der Poebene und verarbeiten die Milch zu Käse. "Ohne Sikhs müssten wir die Herstellung von Parmesan einstellen", gesteht Maurizio Sassi. "Unsere Genossenschaft ist auf sie angewiesen."

Den Indern bescheinigt der Agronom "Erfahrung, Zuverlässigkeit und Geduld im Umgang mit Tieren." Das Melken gehöre zu jenen Arbeiten, die kein Italiener mehr verrichten will: "Wer geht denn heute noch in den Stall?" Den Anteil der Inder in den Viezuchtbetrieben der Lombardei schätzt Sassi auf 80 bis 90 Prozent.

Wie Avtar haben die meisten Sikhs hier eine Familie gegründet. Mit seinem Job ist der Melker "sehr zufrieden", doch das Pensionsalter will er nicht abwarten. "Noch drei Jahre, dann kehren wir nach Indien zurück. Dort können wir von unseren Ersparnissen gut leben."

Über die Entscheidung der Kinder machen sich die Eltern wenig Illusionen. Keiner der Jungen träumt von der Rückkehr. Bobby Harvinder und ihr Mann Singh etwa haben sich für Italien entschieden. Ihre Kinder sind in Novellara geboren. Die verfolgen zwar das Punjabi-Programm im Fernsehen, doch die Heimat ihrer Eltern kennen sie nur von Besuchen: "Alle vier Jahre, sonst ist der Flug zu teuer." Auf Berufswünsche wollen sich die beiden noch nicht festlegen. Eines ist aber sicher: Melken kommt auf keinen Fall infrage. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2008)

Wissen: Dienst am Mitmenschen

Mit 20 Millionen Gläubigen ist Sikhi die kleinste und jüngste unter den fünf Weltreligionen. Ihr Begründer Guru Nanak wurde 1469 in Talwandi (heute Pakistan) geboren. 80 Prozent der Sikhs leben in ihrer Ursprungsregion im nordindischen Bundesstaat Punjab und in Neu-Delhi. Ungeschnittenes Haar und Turban gehören ebenso zu den Sikh-Traditionen wie vegetarische Ernährung und Ablehnung des Kastenwesens. Dienst am Mitmenschen gilt den Sikhs als religiöser Auftrag. Das Priestertum lehnt die monotheistische Religion ab, da sie jedem Menschen die Fähigkeit zuerkennt, das Göttliche selbst zu erfahren. (mu)

 

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 82
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Antonov1
12
17.10.2008, 11:22
und ich dachte, Parmesan wird aus Kuhmilch gewonnen..

Wofür diese Inder in der globalisierten Welt schon alles herhalten müssen....

Edelpiefke
01
16.10.2008, 19:47
"Ohne Sikhs gäbe es keinen Parmesan mehr."

Kindergartenlogik.

Es gäbe weiterhin Parmesan. Er wäre halt nur teurer.

SimplyRed
00
16.10.2008, 14:05

Ohne Sikhs kein Parmesan...

Gut zu wissen, dass die armen Kühe endlich eine Entlastung gefunden haben.

.581
02
16.10.2008, 13:24
Hartgewordenen Emmentaler

über die Schbagetti reiben - und schon gehts ohne Sikhs. Dafür braucht man dazu Schweizer.

Oder Knoblauch und Öl. Das geht aber nur mit Chinesen und Saudis.
War das die Botschaft?

Da lob ich mir lokale Fleckerln und den Ungarn Zsupan, seines Zeichens Schinkenzüchter, dazu Rote Rübensalat. Und ein Pivo aus Laa.
Alles nicht weit weg, politisch korrekt und schmackhaft.
Das wär dann meine Botschaft.

pepitant
04
15.10.2008, 12:21
Arbeit verrichten, für die sich unsere Leute zu gut sind?

Vermutlich kommt das auf die Gage an.
Aber klar, noch sind importierte Inder billiger als einheimisches Personal.
Ich persönlich wär ja dafür, Leuten die Betriebe in Billiglohnstaaten verlegen, den Erwerb der dortigen Staatsbürgerschaft nahezulegen.

DieBo
18
15.10.2008, 10:06
Kühe in der Pogegend zu melken finde ich irgendwie witzig.

monkeyboy
00
14.10.2008, 15:59
Endlich mal eine positive Nachricht von der globalisierten Realität

SimplyRed
01
14.10.2008, 15:33

Zehn Stunden lang ziehen auf Augenhöhe hunderte pralle Euter vorüber.

Da gehts mir unwesentlich schlechter, ich muss auch jeden Tag zehn Stunden im Büro sitzen.

Z. Ristic
00
15.10.2008, 10:32

Stimmt schon, aber sind halt nur Kuheuter. Allerdings - heutzutage ...man weiss ja nicht.

na seawas heast
12
14.10.2008, 10:08
Sikh ???

Bevor ein gläubiger Sikh Haare und Bart schneidet, verbrennen alle Juden Ihre Kopfbedeckung.
Wieso nennt man Inder, deren Vorfahren Sikhs waren, immer noch "Sikh", obwohl sie Identitätsimmanentes abgelegt haben?

h 90
00
19.10.2008, 15:47

Es gibt auch unter Sikhs logisch denkende Menschen.
Der wird halt so wie der typische oesterreichische Katholik sein, da sind auch nicht alles Fanatiker.

little django
 
11
15.10.2008, 08:52

na ich sag mal daß - bevor er verhungert - er sicher die erlaubnis vom geistlichen bekommt die haare zu schneiden.
ist doch egal, seinen glauben muß er mit sich selbst ausmachen. und wenn er befindet er kann nicht anders wird er es so tun. er ist deswegen net weniger gläubig. die anforderungen des lebens ändern sich nun einmal

subspace
25
14.10.2008, 12:30

Weil Identität komplex, situationsabhängig, inhärent vage und stets verhandelbar ist.

Fritz Wunderlich
01
16.10.2008, 12:58

Weil Abstraktionen wie Identität stets verhandelbar, inhärent vage, situationsabhängig und komplex sind.
LOL

denny_crane
12
13.10.2008, 21:21
Dichands Kolporteure sind von der Quote ausgenommen,

wurde seinerzeit als Lex D. bekannt, als unter Löschnak die Ausländerquote festgelegt wurde. D. behauptete, dass seine Kolporteue "Selbständige" seien, sie deshalb von der Quote ausgenommen werden müssten. Warum kann man nicht auch eine Ausnahme von der Quote für die indischen Zeitungsausträger und die chinesischen Köche vereinbaren, die keinem Österreicher einen Arbeitsplatz wegnehmen? Wer von Ihnen ist bereit um 5.30 Zeitungen auszutragen? Wer von Ihnen denkt darüber nach, wie ein China-Buffet um 6€ möglich ist mit den Sozialabgaben für angemeldete ArbeitnehmerInnen? Eine pragmatische Lösung ist gefragt, aber ich bezweifle, dass öst. PolitikerInnen dazu imstande sind.

afrayspeed
00
14.11.2008, 15:04

die "lex dichand" hat mit einwanderung und der ausländerquote nichts zu tun. da ging es um die sozialversicherungspflicht - dichand hatte dahingehend interveniert, dass seine kolporteure als selbständige eingestuft werden.

na seawas heast
22
14.10.2008, 10:04
Und wer kauft einem einheimischen Wirt ein Essen ab,

wenn man bei der Konkurrenz um´s halbe Geld satt wird?

hellwyr
20
14.10.2008, 17:27

ja sry wenns chinesische restaurant BESSER ist als ein schlecht zubereitetes essen... es kommt immer aufs restaurant an, das das besser ist hat halt mehr kunden....

RebelAngel
 
04
14.10.2008, 09:41
muß sie leider enttäuschen

der Herr, der bei uns gegen 4:30 (auch am Wochenende) die Zeitung bringt, ist "echter Österreicher"...

little django
 
00
15.10.2008, 08:53

bei uns auch, ist sogar eine -In ;-))

Top Quark
00
14.10.2008, 11:50

Ausnahmen bestätigen die Regel... ;-)

RebelAngel
 
02
14.10.2008, 11:54
und ausfälle bei der regel

die Schwangerschaft...oder so ;-)

GiordanoB
510
13.10.2008, 19:59

Anzunehmen, dass zB 50.000 Albaner oder Moldawier die Kühe ebenso melken könnten wie 50.000 Sikhs.
Außerdem sind Sikhs id Regel eine relativ verträgliche und unproblematische Migrantengruppe - was man nicht über alle sagen kann.

Und ob gerade eine besondere Buntheit und Vielfalt gesellschaftlich stabilisierend und konflikthemmend wirkt, bleibt wohl dahingestellt - die globale und urbane Realität zeigt etwas anderes, und in dieser Realität leben wir, nicht in der kleinstädtischen Idylle am Po.

dabrauchemergarnetdrübberredde
30
15.10.2008, 15:13
hauptsoche ...

... bunt und liab san se, de auslända, gölt!

seek+destroy
68
13.10.2008, 20:37
wiedereinmal ra**istisch unterwegs gell? zum thema "relativ verträglich"...

sikhs schneiden ihre haare nicht, haben lange bärte u turbane, frauen tragen meistens noch shalvar, sari, kopftuch etc., essen komisch riechend sachen, u hören seltsamm klingende musik u beten götter an..verheiraten ihre kinder (sprich zwangsheirat)

glauben sie wkl. wir össis könnten sikhs aushalten, die straches u haider kämen geifernd aus allen winkeln heraus um mit den zeigefinger auf diese zu zeigen.

leider sind sich die meisten italiener wie auch össis, zu gut um hart zu arbeiten, hätten sie mal in einer fabrik gearbeitet dann wüssten sie wie fleissig unsere türk. u exjugoslawischen mitbürger trotz aller benachteiligungen die sie erleben müssen sind- btw ohne diese wären wir auch nicht eine der reichsten nationen der welt.

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