Pelinka: "Medien haben Haider zu ernst genommen"

13. Oktober 2008, 18:57

Jörg Haider habe alte Inhalte mit neuem Stil versehen, sagt Anton Pelinka - Über Haiders Metamorphosen, seine Versatzstücke aus der Nazizeit und die apportierende Medienmeute sprach der Politologe im STANDARD-Interview

STANDARD: In den Nachrufen wird Haider als Ausnahmeerscheinung gewürdigt. Was war das Besondere an ihm?

Pelinka: Haider hat alten Inhalt mit neuem Stil versehen. Einerseits stand er für die Tradition des Deutschnationalismus, für die Neigung, den Nationalsozialismus zu exkulpieren. Andererseits hat er ein hohes Maß an Unterhaltung in die Politik eingebracht. Die Medien liebten Haider nicht seiner Inhalte wegen, eher im Gegenteil, viele haben kritisch berichtet. Aber sie haben ihm, dem Unterhalter, erst seine große Bedeutung verliehen.
Standard: Haben sich die Medien falsch verhalten?
Pelinka: Die Medienmeute hat alles apportiert, was ihnen Haider vorlegte. An einem Tag stilisierte er sich zur Inkarnation Margret Thatchers, am nächsten Tag zum Erben Bruno Kreiskys - und immer waren das Big News. Die Medien haben Haider zu ernst genommen.

STANDARD: Wie hätte die Öffentlichkeit denn sonst auf Haider reagieren sollen?

Pelinka: Mein Vorbild ist Frankreich. Der Rechtspopulist Jean-Marie Le Pen hat zwar seine gesetzlich vorgeschriebenen Auftritte als Kandidat bei Präsidentschaftswahlen, ansonsten wird er von den Medien und anderen Parteien aber rechts liegengelassen, nach dem Motto: Mit einem Schmuddelkind geben wir uns nicht ab. Speziell die Gaullisten haben einen "cordon sanitaire" um ihn gebildet. Als ernstzunehmender Faktor in der Politik war er damit erledigt. Jacques Chirac hat Le Pen wirklich gezähmt - und nicht Wolfgang Schüssel den Haider.

STANDARD:  War das Spiel mit den Medien sein wichtigstes Erfolgsgeheimnis?

Pelinka: Ich glaube schon. Denn inhaltlich war Haider nur originell, was das Ausmaß seiner Widersprüche betraf. Dieses Aufrechnen nationalsozialistischer Verbrechen mit dem Bombardement Dresdens und anderen Ereignissen war nicht besonders neu - ebenso wenig die Fremdenfeindlichkeit.

STANDARD: Tatsächlich? Eröffnete Haider da nicht neue Dimensionen?

Pelinka: Das schon. Doch das Phänomen gab es davor auch schon, angefangen bei Karl Lueger, der ja nicht nur Antisemit war, sondern auch gegen die slawische Bevölkerung gewettert hat. Haider hat die Fremdenfeindlichkeit nicht erfunden, sondern neu instrumentiert, modisch gemacht, in die Discos gebracht - und durch seine Übertreibungen sicherlich auch verstärkt.

STANDARD:  Was bleibt sonst von Haider? Hat er die Republik verändert?

Pelinka: Ich glaube nicht. Ich halte es da mit Peter Turrini, der Haider als den "Übertreiber der Großparteien" bezeichnet hat. Er hat eigentlich mehr verdeutlicht, wie die Republik im Inneren aussieht. So typisch es war, wie er entgegen dem Urteil des Verfassungsgerichtshofes neue zweisprachige Ortstafeln verhinderte - seine Vorgänger von SPÖ und ÖVP haben das Gleiche getan. Haider hat freilich eine Show daraus gemacht, Ortstafeln versetzt, was die Medien groß gebracht haben. Er machte Haltungen wie Fremdenfeindlichkeit, die nach 1945 eher unterschwellig vorhanden waren, wieder salonfähig.

STANDARD:  Brachte sein Kampf gegen Filz und Proporz nicht auch positive Resultate?

Pelinka: Na ja. Als Haider seine durchaus legitime Kampagne begonnen hat, war der Höhepunkt des Proporz schon vorbei. Die Privatisierungswelle, die in den Achtzigerjahren eingesetzt hat, entzog der Praxis, sämtliche Posten bis herunter zur berühmten Putzfrau zwischen SPÖ und ÖVP aufzuteilen, die Grundlage. Und wenn ich mir die Ämterbesetzung in Kärnten ansehe, bin ich skeptisch, ob sich das qualitativ von dem unterscheidet, was Haider stets kritisiert hat.

STANDARD: Und der Kampf gegen Politikerprivilegien?

Pelinka: Auch da hat er eine Stimmung gut aufgenommen und verstärkt. Aber Copyright Jörg Haider war das alles nicht. Diese Kritik kam immer auch von der Linken, etwa der kommunistischen Partei, die in Graz damit sogar wieder Erfolg hat. Den entscheidenden ersten Schritt hat der Nationalrat 1983 selbst gesetzt, als einige auffallende Privilegien von Politikern gestrichen wurden.

STANDARD: Wie kam es zu Ihren persönlichen Konflikten mit Haider?

Pelinka: Haider hat zwei Strafprozesse gegen mich geführt. Beide habe ich rechtskräftig gewonnen.

STANDARD: Worum ging es da?

Pelinka: Haider hat mich wegen angeblicher Verleumdungen in Interviews mit RAI und CNN geklagt. Beide Male habe ich Analogien zum Nationalsozialismus gezogen. Ich habe dabei immer betont: Haider sei kein Nazi, verwende aber Versatzstücke aus dieser Zeit, etwa wenn er die Zahl der Arbeitslosen mit Ausländern gleichsetzt, was die Nazis mit den Juden auch getan haben. Haider war da empfindlich, vor den Prozessen zeigte er sich siegessicher. Er wusste, dass die österreichische Justiz hier eine Urteilspraxis hatte, die jener des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrecht widerspricht: Man darf einen Politiker ein Arschloch, einen Gauner, einen Kommunisten nennen - aber keinen Nazi.

STANDARD: Warum verwendete Haider diese Versatzstücke?

Pelinka: Das hing zweifellos mit seiner Prägung zusammen. Ich bin sicher, dass ihm sein Satz über die "ordentliche Beschäftigungspolitik" im Dritten Reich herausgerutscht ist, das war nicht gezielt. Das kam aus seinem Milieu und natürlich aus seinem Elternhaus. Ich glaube nicht, dass Haider dieser Ideologie angehangen ist, aber er hat sich offenbar nie ernsthaft mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Es geht bei Haider nicht um Neonazis, es geht um Verschlampung bei der Grenzziehung.

STANDARD: Ein Blick in die Zukunft: Wird sein Tod die politische Landschaft verändern?

Pelinka: Ich glaube schon. Haider war der Angelpunkt der Strategie, eine Neuauflage des Pakts von 2000 zu schaffen. Die Wahrscheinlichkeit einer schwarz-blau-orangen Koalition ist nun viel geringer geworden. Haider wollte auf jeden Fall in die Regierung, weil er wieder zum Faktor in der Bundespolitik werden wollte. Das Hindernis ist Strache, der offenbar nicht wirklich in eine Koalition will. Kaum gab es Signale aus der ÖVP, hat er mit unerfüllbaren Bedingungen schnell alles zerstört. Ohne Haiders Druck auf FPÖ-Funktionäre wird Strache kaum einlenken.

STANDARD: Und die Chance auf eine blau-orange Wiedervereinigung?

Pelinka: Auch dieses Arrangement halte ich nun für weniger wahrscheinlich als vor Haiders Tod.

STANDARD: Warum? Strache braucht doch jetzt den Rivalen Haider nicht mehr zu fürchten.

Pelinka: Ohne Haider kämpft das BZÖ ums Überleben. Strache, Mölzer und Co werden sich wohl denken: Was sollen wir mit denen noch groß reden? (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 14.Oktober 2008)

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  • Hat Haider das Land verändert? "Ich glaube nicht" , sagt der Politologe Pelinka, "er hat verdeutlicht, wie die Republik im Inneren aussieht - und unterschwellige Haltungen wieder salonfähig gemacht."
    foto. standard/corn

    Hat Haider das Land verändert? "Ich glaube nicht" , sagt der Politologe Pelinka, "er hat verdeutlicht, wie die Republik im Inneren aussieht - und unterschwellige Haltungen wieder salonfähig gemacht."

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    Anlässlich der Schwarz-Blauen Regierungsbildung schaffte es Jörg Haider auf zahlreiche Coverseiten. Im Bild der damalige FPÖ-Obmann auf den Titelseiten der beiden großen US-Nachrichtenmagazine "Time" und "Newsweek".

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