Der Hirschgott war zum Glück bestechlich

12. November 2008, 17:00
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Eine Wanderung durch die gebirgigen Regionen der Lobardei führt von Spuren der Jungsteinzeit bis zu Zeugnissen möglicher Pizza-Vorfahren

Südtirol nennt das einfach Törggelen, wenn die Herbstwanderung immer auch in bäuerliche Jausenstationen führen soll. Doch was sich hier, nördlich der Provinzhauptstadt Brescia und unweit der emsigen Großstädte der Lombardei, dem Reisenden eröffnet, hat noch keinen Namen. Es ist bislang Geheimtipp geblieben für Urlauber, die Stille und unberührte Natur suchen, aber dabei weder auf kulturelle noch auf kulinarische Nahrung verzichten möchten.

Wir befinden uns im Land der Camunen. Dieses prähistorische Völkchen hat das Camonica-Tal, das sich vom Iseosee über 90 Kilometer hinauf bis zum Tonalepass in 1883 Metern Höhe erstreckt, schon zur Jungsteinzeit besiedelt. Sie wussten die Schönheit jener Berge wohl zu schätzen, von denen zumindest die Gruppe des Adamello heute als 51.000 Hektar großer Naturschutzpark noch lange bewahrt werden soll. Hier reichten die Camunen ihren Göttern - besonders dem Hirschgott - die besten Gaben dar, damit sie die Jagdgründe auch weiter beschützten. Dass diese Bestechung funktioniert hat, davon zeugen heute noch zahlreiche schmackhafte Gerichte, die auf ebendiese Jagdtradition einerseits und auf die Schafs- und Rinderzucht andererseits zurückgreifen. Recht formlos kann man sich davon bei den "Camunischen gastronomischen Wochen" überzeugen, die heuer bis zum 16. November dauern und in den Gasthäusern und Restaurants des gesamten Tales stattfinden.

Ebenso aufschlussreich im Bezug auf das Leben der Camunen sind aber auch die berühmten Felsgravuren, die man in Grotten und Höhlen, in Schluchten und an Hängen überall im Tal gefunden hat. Die rund 170.000 Gravuren mit Motiven aus dem Alltag, von der Jagd und von religiösen Riten sind auf acht archäologische Anlagen verteilt und heute freilich Teil des Weltkulturerbes der Unesco. Diese Felsplatten, die über Jahrtausende von den Eismassen des Adamello-Gletschers legiert und poliert wurden, weichen nur hier und da den Zeugnissen einer kulturell fortgeschritteneren Zivilisation: jenen der Römer. So auch in der Siedlung Civitas Camunnorum, wo erst vor kurzem die Reste eines römischen Amphitheaters gefunden wurden.

Die Eroberung des Camonica-Tales durch die Wanderer beginnt zumeist im mittelalterlichen Dörfchen Pisogne am Iseosee. Zu Fuß oder mit dem Mountainbike sind die Touren, die hier starten, auch von mäßig ambitionierten Bergsportlern gut zu meistern. Der Naturschutzpark, der im Norden an den Stelvio-Park grenzt - er bildet seinerseits die direkte Verbindung zum Engadin -, verfügt über ein gutmarkiertes Netz von Wanderwegen, die durch Kastanienwälder hinauf zu den Hochplateaus führen.

Und natürlich bringen einen dieselben Wege auch zu jenen einfachen Gaststätten und Hütten, wo der Wirt selbst dann lokale Spezialitäten serviert, wenn er von den "gastronomischen Wochen" unten im Tal noch nie gehört hat. Neben den fantasievoll weiterverarbeiteten Maroni sollte man vor allem die Käsesorten Rosa Camuna, Fatuli und Silter, die sowohl im Tal als auch auf den Almen produziert werden, aber immer herzhaft nach Bergkräutern schmecken, einmal probiert haben. Ebenso wie die Spongada camuna, eine süße Focaccia, von der oft sogar behauptet wird, sie sei die Urform der Pizza.

Doch diese Berge geben noch weitere Rohstoffe preis: Der eine ist ein ewiger Jungbrunnen und plätschert in den Thermalbädern von Boario aus den Felsspalten in die Bassins, an denen er von den Masseuren heute gerne mit Fangopackungen angereichert wird. Der andere aber liegt tief im Fels verborgen und hat die Geschichte des Tales ebenso geprägt: das Eisenerz.

In Bienno - als sogenanntes Borgo in die Liste der schönsten alten Dörfer Italiens aufgenommen - findet man noch heute die Magli, also jene Hammerschmieden, in denen das glühende Eisen geschlagen wurde. Sind es diese Spuren, die man weiterverfolgen möchte, sollte die Reise auch ins benachbarte Trompia-Tal führen. Dieses Tal ist heute fast zur Gänze Freilichtmuseum, das dem Wanderer über den "Weg des Eisens" die eigene Geschichte erzählt. Man beginnt im Bergwerk von San Aloisio Tassara di Collio, das erst 1985 stillgelegt wurde, und setzt die Erkundung einer Industriearchäologie dort fort, wo die verlassenen Stätten des Abbaus heute wieder von einer faszinierenden Natur umgeben werden. (Eva Clausen/DER STANDARD/Printausgabe/11./12.10.2008)

Informationen:
enit.at

  • Hütten wie das Rifugio Prudenzini im Adamello-Naturschutzpark bieten bei geringem Wanderaufwand ein spektakuläres Setting und oft eine erstaunliche Bandbreite lombardischer Spezialitäten.
    foto: invallecamonica.it

    Hütten wie das Rifugio Prudenzini im Adamello-Naturschutzpark bieten bei geringem Wanderaufwand ein spektakuläres Setting und oft eine erstaunliche Bandbreite lombardischer Spezialitäten.

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