Tirol: Nepalesen werden zu Hüttenwirten ausgebildet

12. Oktober 2008, 23:03
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Nepals "gute Geister" in den Tiroler Bergen - Ziel dieses Projektes ist eine nachhaltige Ausbildung und ein Zusatzverdienst, da es in den Sommermonaten im Himalaja kaum Arbeit gibt

Rund 30 Sherpas werden jährlich in Österreich zu Hüttenwirten ausgebildet. Dafür erhalten die "guten Geister" sogar saisonale Sondergenehmigungen - Von Martin Grabner

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Innsbruck - Ang Chuttin Sherpa kocht gerne österreichische Gerichte, besonders Tiroler Gröstl. „Wenn ich wieder zu Hause in der Khumbu-Region in Nepal bin, mache ich in unserer Lodge in Lukla für die Gäste auch sicher eine Art "Khumbu Gröstl", erzählt die junge Sherpani lachend, während sie ihre Kochtöpfe in der Küche der Nördlinger Hütte im Tiroler Karwendelgebirge keinen Augenblick aus den Augen lässt.

Zusätzliche Verdienstmöglichkeit


Ang Chuttin ist Teil eines Ausbildungsprojekts, bei dem jährlich 30 Sherpas, Sherpanis und Nepalesen auf über zwanzig Tiroler Alpenvereinshütten und Berggasthäusern das Handwerk des Hüttenwirts lernen. Ziel dieses Projektes ist nicht nur eine nachhaltige Ausbildung. Den Sherpas wird auch eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit geboten, da es in den Sommermonaten im Himalaja kaum Arbeit für sie gibt. Initiatoren dieses Projekts sind die Hüttenwirte selbst, die Nepalhilfe Tirol und besonders ihr Obmann, der frühere Achttausender- und Extrembergsteiger Wolfgang Nairz.


Er hat erreicht, dass es jedes Jahr vom AMS Sondergenehmigungen zur Saisonarbeit im Tourismus für die Nepalesen gibt. Kein leichtes Unterfangen, da Arbeitnehmer aus sogenannten Drittländern, anders als EU-Bürger, einen Aufenthaltstitel brauchen. Maximal sechs Monate arbeiten sie dann auf den Tiroler Hütten, lernen viel über Logistik, pflegen Wege, kümmern sich um Zimmer, helfen in der Küche oder betreuen Gäste. Außerdem wird ihnen ein Gefühl für Hygiene und Umweltschutz vermittelt - etwas, das in Nepal noch nicht selbstverständlich ist.

Kollektivvertrag

Die Bezahlung und Versicherung erfolgt nach dem Kollektivvertrag für Saisonniers und liegt bei manchen Hüttenwirten sogar darüber. Für die Nepalesen sind die gut 1000 Euro im Monat fast ein Lotto-Sechser, aber auch die Wirte sehen die Arbeitskräfte aus dem Himalaja als echten Gewinn. „Ihre Auffassungsgabe ist beeindruckend. Man muss ihnen nur einmal etwas zeigen, schon können sie es allein", lobt Bernhard Schlechter von der Höttinger Alm seinen Sherpa Phurba, der zum guten Geist des Hauses geworden ist.

Voraussetzungen für die Hüttenwirt-Ausbildung


Phurba lebe als tiefgläubiger Buddhist, und diese Spiritualität spüre man den ganzen Tag, überall hängen Gebetsfahnen, und die Gäste seien auch viel entspannter als früher. Einmal in der Woche serviert der Sherpa die typischen nepalesischen Gerichte Dhal Bat, Chili Chicken oder Momos - und die Gäste strömen in Scharen aus der Tiroler Landeshauptstadt auf die nahegelegene Alm.
"Wenn Phurba einmal freihat, steigt er hinunter nach Innsbruck, kauft sich ein Eis, spaziert stolz durch die Altstadt, und dann besucht er mich auch manchmal", erzählt Projektleiter Wolfgang Nairz über den 45-Jährigen, der zu Hause in der Bergsaison als Trekkingführer und Climbing-Sherpa arbeitet. Das ist auch eine der Voraussetzungen für die Hüttenwirt-Ausbildung, um die sich jedes Jahr an die 300 Nepalesen bewerben: ein einschlägiger Job im Trekkingbusiness oder im Gastgewerbe.


Gabriele Glabonjat von der Nördlinger Hütte möchte ihre Ang Chuttin gar nicht mehr hergeben und erkundigt sich schon über die Möglichkeiten für das nächste Jahr. Insgesamt dreimal dürfen die Sherpas hier arbeiten.


Mitte Oktober fliegen die meisten wieder zurück in ihre Heimat. So auch Ang Chuttin. Aus der Küche des Hotels „Sherpa Lodge" in Lukla wird wohl bald der köstliche Erdäpfelduft eines echten "Khumbu-Gröstl" Touristen überraschen. (Martin Grabner/DER STANDARD Printausgabe 13.10.2008)

 

  • 2238 Meter Seehöhe sind für die junge Nepalesin Ang Chuttin gar nicht so hoch. Auf der Nördlinger _Hütte im Karwendelgebirge macht sie ihre Ausbildung zur Hüttenwirtin
    foto: standard/martin grabner

    2238 Meter Seehöhe sind für die junge Nepalesin Ang Chuttin gar nicht so hoch. Auf der Nördlinger _Hütte im Karwendelgebirge macht sie ihre Ausbildung zur Hüttenwirtin

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