"Die rosigen Zeiten der Privatisierung sind in Serbien vorbei"

12. Oktober 2008, 20:07
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Warum der serbische Notenbankgouverneur Radovan Jelasic sich derzeit fast mehr vor den Medien als vor den Auswirkungen der Finanzkrise fürchtet, erzählte er im STANDARD-Interview

STANDARD: Wie wirkt sich die allgemeine Finanzkrise auf Serbien aus?

Jelasic: Unsere Bürger und Schuldner trifft sie schon eine ganze Weile. Unter anderem weil die Schulden inzwischen eine Rendite von mehr als acht Prozent aufweisen. Das bedeutet, dass Serbien bei diesem Satz von ausländischen Finanzmärkten ausgeschlossen ist. Unter unserer Kontrolle sind aber die Referenzsätze des Dinar, die bei 15,75 Prozent liegen, da die Inflationserwartungen ziemlich hoch sind. Wenn die Inflation niedriger wird, dann wird die serbische Notenbank den Zinssatz wenigstens für die einheimische Währung heruntersetzen können.

STANDARD: Wird sich die Krise in Serbien vertiefen?

Jelasic: Was Sorge erregt, ist auf der einen Seite die noch frische Erinnerung der serbischen Bevölkerung an die Milliardeninflation vor fünfzehn Jahren und den damaligen totalen Kollaps des Banksystems, und auf der anderen wie Medien in Serbien über die Krise berichten und wie dann die Menschen darauf reagieren.

STANDARD: Ziehen die Menschen ihr Geld aus Banken bereits zurück?

Jelasic: Teilweise ja. Wir hatten in diesem Jahr einen Zuwachs von fast einer Milliarde Euro was frische Depositen betrifft, jetzt gibt es einen Abfluss ähnlich wie zu Jahresbeginn. Ich hoffe, dass das nicht lange andauert, denn die Zinssätze bei serbischen Banken sind sehr attraktiv, sie zahlen von sieben bis neun Prozent im Jahr.

STANDARD: Wie flüssig sind die Banken in Serbien?

Jelasic: Die privaten Einlagen betragen 5,7 Milliarden Euro, die Devisenreserven 9,8 Mrd. Euro. Etwa 75 Prozent der Bilanzsumme gehört Banken aus der EU, die aber in Serbien separate Einheiten sind. Ungefähr 35 Prozent der Bilanzsumme der Banken ist Cash oder deponiert und in Wertpapieren der Nationalbank. In Serbien ist die Adäquate-Quote des Kapitals bei zwölf Prozent festgelegt, während sie in der EU acht Prozent beträgt. Die Sicherheit ist dreieinhalbmal höher als in der EU.

STANDARD: Serbien ist angewiesen auf Auslandsinvestitionen, der Investitionsboom scheint vorerst vorbei zu sein. Wie geht's weiter?

Jelasic: Wir sind ein Land mit einem laufenden Zahlungsdefizit von achtzehn Prozent, und das muss man irgendwie finanzieren. Es gibt da vier Quellen: ausländische Direktinvestitionen, was natürlich am besten ist, Kredite, Privatisierungseinnahmen und Reserven. Um Auslandsinvestoren wird man sich viel mehr Mühe machen müssen als bisher, Kredite werden viel teurer, die rosigen Zeiten der Privatisierung sind vorbei. Die Auslandsschulden betragen etwa 19 Milliarden Euro, davon sind nur ein Drittel Staatsschulden. Deshalb wird der Staatshaushalt für das Jahr 2009 sehr restriktiv sein müssen. Wir werden versuchen, die Risikoprämie zurückzunehmen und dadurch ermöglichen, dass wieder Geld fließt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2008)

Zur Person

Radovan Jelasic (40) ist gebürtiger Ungar. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Belgrad und Chicago. Erfahrung sammelter er unter anderem bei der Deutschen Bank und bei Mc Kinsey. Seit 2004 ist er Serbiens Notenbankgouverneur.

  • Radovan Jelasic: "Wir sind ein Land mit einem laufenden Zahlungsdefizit von achtzehn Prozent, und das muss man irgendwie finanzieren."

    Radovan Jelasic: "Wir sind ein Land mit einem laufenden Zahlungsdefizit von achtzehn Prozent, und das muss man irgendwie finanzieren."

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