Gründe für Haiders Beliebtheit in Kärnten

12. Oktober 2008, 18:51

Wolfgang Petritsch, Klaus Ottomeyer und Lojze Wieser analysieren: "Das Kärntner ,Wir sind wir‘ war immer verbunden mit dem Ausgrenzen jener, die nicht dazugehörten"

Kerzenmeere, schluchzende Frauen, Männer, deren Stimme bricht, wenn sie von ihren Begegnungen mit "ihm" erzählen. Wer diese Reaktionen auf den Tod Jörg Haiders sieht, begreift: Viele Kärntner haben ihren Landeshauptmann als einen der Ihren geliebt. Und das, obwohl Haider ein zugereister Oberösterreicher war. Das ist durchaus bemerkenswert in einem Land, in dem es Zugereiste ansonsten besonders schwer haben.

Nicht erstaunlich, sondern logisch sei das, sagt Wolfgang Petritsch, Leiter der Ständigen Vertretung Österreichs bei der OECD in Paris, zum Standard. Petritsch stammt selbst aus der gemischtsprachigen Gemeinde Glainach im Kärntner Rosental. Seine Beobachtung: "Haider hatte die Fähigkeit, sich gerade um jene zu kümmern, die das Gefühl hatten, unter die Räder gekommen zu sein." Für die Kärntner, die sich von der Zentralmacht in Wien seit Jahrhunderten vernachlässigt fühlten, sei "besonders wichtig gewesen, dass jemand von Außen kam, der ihnen sagte, sie seien etwas Besonderes."

Gleichzeitig, analysiert Petritsch, habe Haider mit seiner Betonung des Deutschnationalen, seiner Ausgrenzung alles Fremdsprachigen, Fremdländischen einen besonderen Minderwertigkeitskomplex der Kärntner bedient. Petritsch: "Jede zweite Kärntner Familie hat slowenische Wurzeln. Das wurde über Generationen unterdrückt. Haider hat den Kärntnern klargemacht, dass es neben ihnen noch größere Außenseiter gibt, auf die sie herabblicken konnten - die Slowenen."

Für Klaus Ottomeyer, Professor am Institut für Sozialpsychologie an der Uni Klagenfurt und Autor des Buches "Die Haider-Show" , spielte Haider alle Rollen, die das Kärntner Publikum faszinierten: an der Rampe den "leicht sadistischen Robin Hood" , den attraktiven Sportsmann und den "Bierzelt-Sozialisten" - und auf der Hinterbühne gab er den, der "Bagatellisierung und Rechtfertigung des Nationalsozialismus im Auftrag der Eltern" im Programm hatte.

Mit seiner Art des (teils auch aufgezwungenen) Umarmens, Verbrüderns und Wahrnehmens seines jeweiligen Gegenübers habe Haider eine tiefe Sehnsucht der Kärntner befriedigt: "Die Menschen hier haben aufgrund der Geschichte des Landes eine teilweise gebrochene und unsichere Identität." Ottomeyer, der mit traumatisierten Flüchtlingen arbeitet, sieht auch das Destruktive in Haiders Persönlichkeit: "Das Kärntner ,Wir sind wir‘ war immer verbunden mit dem Ausgrenzen jener, die nicht dazugehörten."

Laut dem Kärntner Grenzlandverleger Lojze Wieser besteht jetzt für Kärnten die Möglichkeit, "frei und ungeteilt" zu werden. Wieser: "Frei für Demokratie und ungeteilt für den Rechtsstaat." Mit seiner Weigerung, in der Ortstafelfrage rechtsstaatlich zu handeln, habe Haider eine reaktionäre Tradition Kärntens fortgesetzt, die auch die SPÖ unter dem kürzlich verstorbenen Landeshauptmann Leopold Wagner gepflegt habe.

Ein Schlüssel zur Kärntner Seele ist wohl auch die Religion. In dem bitterarmen Land fiel die Reformation auf fruchtbaren Boden. Doch anders als etwa im Burgenland oder in Oberösterreich, wo die "Evangelischen" immer eher sozialdemokratisch eingestellt waren, dachten Kärntens Protestanten deutschnational. Der evangelische Bischof Michael Bünker, selbst aufgewachsen in Radenthein, sagt: "Haider war ein Politiker zum Anfassen, er hat aber auch den Abwehrkampf-Mythos wie kein anderer bedient. Die Kärntner dachten: ,Das ist einer von uns.‘" (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2008)

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