Das Double der Seifenoper

12. Oktober 2008, 18:51
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Das Theater schlägt eine Brücke zum Fernsehen: Der Verein Thearte erprobt das klassische TV-Format der Soap-Opera auf der Bühne

In sechs Folgen "Zeitlos schön" steht ein Christbaumkugel-Imperium am Scheideweg.

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Wien - Theater für junges Publikum gibt sich neuerdings fernsehaffin. Anstelle das in pädagogisch wertvollen Haushalten als böse Kulturtechnik verschrieene Fernsehen gegen die althergebrachte Bühnenkunst auszuspielen, versucht man es mit Gegenliebe. Der Verein Thearte (gegründet von Alexander Hutter und Helmut Berger) schlägt eine direkte Brücke und erprobt nun das klassische TV-Format der Soap Opera auf offener Bühne.

Eine solche, wie sie für gewöhnlich als Dutzendware über nachmittägliche Mattscheiben flimmert, als verknapptes Identifikationsangebot zwischen Mittagessen und Hausaufgabe: Es gibt sie jetzt auch live gespielt, im Dschungel Wien, im 3-Raum-Anatomietheater und im Echoraum.

Regisseurin Yvonne Zahn spielt in der auf vorerst sechs Folgen angelegten Serie Zeitlos schön (Buch: Reinhold Stumpf) bewusst mit medial geprägten Vorstellungen von Theatralität. Und setzt alle genreüblichen Merkmale von Seifenopern der Unmittelbarkeit einer Theatersituation aus: die zu einer sogenannten Zopfdramaturgie verbundenen Handlungsstränge oder den jeweils am Ende einer Folge stehenden, alle Fragen dramatisch bündelnden Cliffhanger. Und Klischees noch und nöcher, die im Kontext Theater vergrößert und immer ironisch wirken. In erster Linie aber handelt es sich um die bloße Kopie, die (friedliche) Übernahme eines bewährten Formats.

Schöne Sätze wie "Justus, wir haben ein Problem!" finden da schnell ein überzeugtes Publikum (empfohlen ab fünfzehn Jahren). Ein Christbaumkugel-Imperium steht in Zeitlos schön am Scheideweg. Die mit spitzen Krallen am Erbe ihres verstorbenen Gatten hängende Henriette Steinach-Waldburg (expressionistisch: Brigitte Soucek) möchte ihren traumversunkenen Sohn Justus (Felix-Alexander Rank) mit den Geschäften beauftragen. Dazwischen funkt der wie aus dem Nichts auftauchende außereheliche Sohn Frank (Markus Schöttl), ein geschäftstüchtiger Krawattenhengst mit Profilierungssucht. Dass er auch den Liebesdienst kaufen muss, erfährt man dann zum Schluss der ersten Folge. Und hier schließt sich der Kreis der Figurentypen: Das nämliche Mädchen ist eine am Autofriedhof vom Fliegen träumende Unterprivilegierte, die es für den echten Christbaumkugel-Erben mittels Liebe zu erretten gilt.

Im wöchentlichen Rhythmus folgen nun die nächsten fünf Teile. Mit einem schönen Lichtkastenbühnenbild von Andreas Mathes wandert man jeweils vor Ort. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 10. 2008)

  • Wie sollen wir leben? Ein junges Paar (Felix-Alexander Rank und Gloria
Dürnberger) blickt in der Theater-Soap "Zeitlos schön" nach vorne.
    foto: theresa rauter

    Wie sollen wir leben? Ein junges Paar (Felix-Alexander Rank und Gloria Dürnberger) blickt in der Theater-Soap "Zeitlos schön" nach vorne.

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