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12.10.2008 18:49

Und nun droht die goldene Ananas
Die WM-Qualifikation nimmt ihren befürchteten Lauf. Teamchef Karel Brückner ist schon nach drei Partien der Verzweiflung nahe - Am Mittwoch geht es gegen Serbien um das letzte Fünkchen Hoffnung

Torshavn/Wien - Die Färöer erinnern an Alcatraz. Wer einmal dort eingesperrt ist, kommt nur schwer wieder raus. Haben die Täter ihre Strafen abgesessen, zum Beispiel 1:1 gespielt, können die Resozialisierten darauf hoffen, dass sich irgendeine Flugzeugbesatzung irgendwann einmal ihrer erbarmt. Die Mitglieder der österreichischen Fußballnationalmannschaft hockten also bis in den Sonntagmorgen auf dem Airport in Vagar fest. Draußen stürmte es, drinnen war es windstill.

Sebastian Prödl verspürte, vielleicht aus Fadesse, Gusto auf ein leckeres Krabbenbrötchen. Um die letzten paar dänischen Kronen gekauft, reingebissen, blass geworden, ausgespuckt, "pfui Teufel" gesagt. Das Ding war vor sechs Wochen abgelaufen. Es stank, als wären es sechs Monate gewesen. Vielleicht hätte Prödl gefüllten Papageientaucher bestellen sollen. Das Team durfte dann, ein wagemutiger Pilot zeigte Mitleid, fünf Stunden nach der geplanten Abflugzeit die Inseln verlassen. Das Auslaufen in Wien wurde gestrichen, so erbarmungslos ist Teamchef Karel Brückner auch wieder nicht.

Den "Färöer-Karel" hat der Tscheche am Samstag knapp verfehlt. Ein 1:1 ist kein 0:1, Torshavn konnte Landskrona nicht auslöschen. Weil Martin Stranzl den hochverdienten Ausgleich geschossen hat. Es gibt trotzdem Fragen, die nie gestellt werden sollen, zum Beispiel folgende an Stranzl: War es das wichtigste Tor Ihrer Karriere? Oder, an einen x-beliebigen Spieler gerichtet: Kann es sein, dass dieser Punkt Goldes wert war?

Ein Kindergärtner
Die Färöer sind nämlich nicht irgendwer. Dass sie 21 Partien hintereinander verloren haben, kann auf Pech zurückzuführen sein. Vor 18 Jahren waren beim allerersten Länderspiel nahezu ausschließlich Berufsfischer tätig. Diesmal boten sie einen Gebrauchtwagenhändler, einen Polizisten, zwei Lehrer, einen Tankwart, einen Kindergärtner, einen Zimmermann, ein paar Studenten auf. Und vier Fußballprofis. Christian Lamhauge Holst ist einer davon, er kickt in Dänemark für Silkeborg. Nach dem 1:1 hat er von einem "großen Moment" gesprochen und angekündigt, mehrere Gläser Bier zu trinken und eine Schachtel Zigaretten zu rauchen. "Muss sein."

Der 19-jährige Bogi Lokin, der überlegt, was er studieren soll, hat im vierten Spiel sein erstes Tor erzielt. Es ist fast davon auszugehen, dass es auch sein letztes gewesen ist. "Ein Traum." Sein Vater Abraham Hansen (ein Fischer) kickte in Landskrona mit, er hat dem Bub oft davon erzählt. Warum der Sohn Lokin heißt? Das liegt daran, dass es auf den Färöern viel zu viele Hansens gibt. Der Papa hat den Familiennamen ändern lassen.

Für die Färöer war der Punkt von immenser Bedeutung. Hätten sie nicht angeschrieben, wäre Platz 198 in der Weltrangliste nicht zu halten gewesen. In Europa sind sie San Marino und Andorra entwischt. Brückner war rechtschaffen angefressen. "Das ist schlecht. So viele Chancen kann man nicht vergeben. Das ist schlecht. Wir haben keine Effektivität. Das ist schlecht." Ob er sich den Weg in Österreich so steinig vorgestellt hat? "Das gehört nicht zum Spiel."

ÖFB-Präsident Friedrich Stickler, der im dachlosen Stadion tapfer Sturm und waagrechtem Regen trotzte, war "richtig verärgert". Für seine Verhältnisse ist das eine schonungslose Kritik. Das "Projekt Brückner" stellte er nicht infrage. Fakt ist: Wer in Litauen 0:2 verliert und auf den Färöern 1:1 remisiert, wird sich wohl nicht für die WM qualifizieren. Dem 3:1 gegen Frankreich wurde der Sinn genommen. Assistenztrainer Andreas Herzog: "Ich hege Zweifel, wie man in Frankreich, in Rumänien und in Serbien bestehen soll. Wir haben keine Verlässlichkeit."

Kein Vergleich

Emanuel Pogatetz ("Der Wind war ein Wahnsinn") wollte das 1:1 nicht als "Schmach" bezeichnen. "Wir haben schon viel schlechter gespielt. Leider tun wir uns gegen jeden Gegner gleich schwer." Serbien schlug Litauen 3:0, gastiert am Mittwoch in Wien. Der ORF garantiert übrigens eine TV-Übertragung mit laufenden Bildern. Martin Harnik wird wegen eines Bändereinrisses im Sprunggelenk nicht zu sehen sein. Herzog wollte das in der Anonymität abgewickelte Match in Torshavn nicht mit Landskrona vergleichen: "Damals war der österreichische Fußball für drei Jahre kaputt. Diesmal dauert es vielleicht nur drei Tage. Sofern wir Serbien besiegen. Falls nicht, geht es um die goldene Ananas." (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 13. Oktober 2008)

 

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