Kärnten: "Was wird jetzt aus uns?"

12. Oktober 2008, 18:43
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    Seit Samstag stellen sich bei der Kärntner Landesregierung in Klagenfurt Menschen an, um sich von Jörg Haider zu verabschieden und sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Und ein jeder hat seine eigene Geschichte vom Landeshauptmann zu erzählen.

Nach dem Tod des Landeshauptmanns trauert ein ganzes Land - Nicht nur in seiner Partei hinterlässt Haider eine Lücke, viele Kärntner fühlen sich ohne ihn verloren

Das ganze Land ist schockstarr. Alles bewegt sich wie in Zeitlupe. Die Menschen wissen, dass Jörg Haider tödlich verunglückt ist, aber viele tun sich noch schwer, es zu fassen. Seit den Morgenstunden treffen Leute vor der Landesregierung ein. Dort hat man im Foyer ein Kondolenzbuch aufgelegt. Das Bundesheer und die Feuerwehr halten eine Ehrenwache. Wie auch schon am Samstag herrscht Hochbetrieb, in aller Stille. Die Schlange der Wartenden, die sich ins Kondolenzbuch eintragen wollen, reicht bis zur Straße zurück. Kerzen werden mitgebracht, Blumen, Briefe an Jörg. "Du warst für uns wie Lady Di, ein Mann der Herzen" , hinterlegt eine Familie.

Am Samstag war die Landesregierung bis Mitternacht geöffnet, weil der Andrang nicht aufhören wollte. Sonntag um neun Uhr wurden die Tore wieder geöffnet. Es sind vorwiegend die "kleinen Leute" , die sich hier anstellen, aber im Grunde genommen alle, Männer, Frauen, Alte, Junge. Es ist wie eine Manifestation, ein spätes öffentliches Bekenntnis jener, die Haider zwar gewählt, dies aber meist nicht zugegeben haben.

"Ich habe einen Freund verloren, nicht nur einen Landeshauptmann" , klagt ein Mann. Eine ältere Dame bringt ein Bild, das Haider mit ihrer 90-jährigen Mutter zeigt: "Er war bei uns zu Hause und hat zum Geburtstag gratuliert", schluchzt sie. "Er hat immer Wort gehalten, er war für uns da" , pflichten andere Trauernde bei.

Der Tod verklärt. Man sieht nur die guten, die menschlichen der unterschiedlichen Seiten des Landeshauptmannes. Alles andere, das den Politiker Haider auch ausgemacht hat, wird ausgeblendet: die Menschenverachtung, die Stigmatisierung von Minderheiten und Randgruppen, die Verunglimpfung Andersdenkender, die Gnadenlosigkeit gegen mutmaßlich straffällige Asylwerber, für die er noch "Sonderanstalten" errichten wollte.
Plötzlich wird alles, was Haider in den letzten Stunden seines Lebens tat, als Symbol der bevorstehenden Tragödie gedeutet: die Landesfeier zum 10. Oktober, jenem Tag, an dem die deutschsprachige Mehrheit ihre slowenischsprechende Minderheit zu Staatsfeinden erklärt, die Tatsache, dass Haider mit überhöhter Geschwindigkeit eine Ortstafel umrasierte, wie dies die Kärntner Slowenen tun mussten, um zu ihrem Recht zu kommen.

"Was wird jetzt aus uns, was wird jetzt aus Kärnten?" , fragen sich viele Menschen. In Geschäften und Wirtshäusern werden ebenfalls Kerzen angezündet und Haider-Bilder aufgestellt.

Starren auf die Tür

Das Land ist über Nacht kopflos geworden. Vor der Trauersitzung starren die Mitglieder der Landesregierung minutenlang auf die Tür des Spiegelsaals, ganz so als würden sie auf Jörg Haider warten, der notorisch zu spät kam. Es ist dann Bischof Alois Schwarz, der als erster das Wort ergreift und Gebete spricht. Am Sonntagabend hielt er dann auch im Klagenfurter Dom einen Gedenkgottesdienst für den "überzeugten Christen" Jörg Haider ab.

Unterdessen finden sich immer mehr Menschen auch an der Unfallstelle ein. Erste Verschwörungstheorien tauchen auf: "Der Jörg ist umgebracht worden. Irgendwer hat an seinem Auto manipuliert. Er war den Mächtigen im Weg" , repetieren sie seine Wahlslogans. Jörg Haider, immer seiner Zeit voraus, war aber schlicht zu schnell unterwegs. Ein Betonpfeiler hatte letztlich sein Leben ausgelöscht. Er hatte keine Überlebenschance.

"Das Herz Kärntens hat zu schlagen aufgehört" , lässt ein BZÖ-Funktionär im Klagenfurter EM-Stadion, wo zur parteiinternen Trauerarbeit aufgerufen wurde, seinen Tränen freien Lauf.
Ein letztes Mal kehrt der geniale Selbstdarsteller Jörg Haider auf seine Bühne Kärnten zurück, diesmal als tragischer Held, den nur der Tod stoppen konnte.

Wie kein anderer Politiker hat er die Zerrissenheit der Kärntner Seele verkörpert: ihre manische Selbstüberhebung ebenso wie ihre selbstzerstörerische Lust am Untergang. Kärnten ist jetzt auf sich allein gestellt. (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2008)

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