Tanz als politischer Wille

10. Oktober 2008, 17:22
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Das Festival "Berührungen" im Wiener Odeon arbeitet die tänzerische Moderne im Wien der Dreißigerjahre auf - Eine Choreografie von Renato Zanella Premiere

Wien - Renato Zanella, der ehemalige Direktor des Wiener Staatsopernballetts, ist wieder da. Diesmal als Choreograf eines Stücks für das tanzhistorische Festival "Berührungen" im Wiener Odeon. In Wallfrau erinnert er - noch einmal am Samstagabend - an die Tänzerin, Choreografin und, ab 1934 im Ständestaat, Ballettmeisterin des Wiener Staatsopernballetts, Margarete Wallmann.

Im Jahr 1938 wurde Wallmann wegen ihrer jüdischen Abstammung gekündigt und blieb zehn Jahre im argentinischen Exil. Später arbeitete sie als Choreografin und Ballettdirektorin an der Mailänder Scala. Bereits in den 1930erJahren hatte sie sich bei den Salzburger Festspielen einen Namen gemacht (der Name Wallfrau stammt von Max Reinhardt), wo sie nach dem Krieg nicht mehr an ihre einstigen Erfolge anknüpfen konnte. Dafür inszenierte sie erfolgreich Opern auch in Paris, in London und in New York.

In Europa und Österreich ist Wallmann, die 1992 in Monte Carlo starb, so gut wie vergessen - obwohl sich ihre Tosca-Inszenierung von 1958 bis heute im Repertoire der Wiener Staatsoper befindet. Für die Tanzkritikerin und Tanzhistorikerin Andrea Amort, die das Festival leitet, ein Beispiel für die österreichische Amnesie hinsichtlich der frühen heimischen Tanzmoderne. In der Zwischenkriegszeit existierte in Wien eine lebendige freie Tanzszene, die nun bei "Berührungen" im Odeon umfangreiche Würdigung durch Tanzschaffende der Gegenwart erfährt.

Der erste Abend des Festivals am vergangenen Sonntag war Hanna Berger (1910-1962) gewidmet, die unter dem Motto "Tanz als politischer Wille" arbeitete und 1942 in Berlin unter dem Verdacht kommunistischen Widerständlertums verhaftet wurde. Berger entzog sich dem KZ durch Flucht.

Reiterlieder und Mimosen

Der mehrteilige Abend Hanna Berger: Retouchings war bereits vor zwei Jahren in St. Pölten zu sehen. Fünf Choreografen, darunter Willi Dorner, Rose Breuss und Manfred Aichinger, versuchen darin, sich Bergers Werk aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern. Ein Reiterlied entstand zwischen 1934 und 1937, Die Unbekannte aus der Seine und Mimose kamen in der NS-Zeit 1941/42 heraus. Da hatte sich Goebbels' Tanzmann in Deutschland, Rudolf von Laban, der bei seinem Minister 1936 in Ungnade gefallen war, längst nach England abgesetzt. Auch Bergers Arbeiten eigneten sich nicht zu Propagandazwecken. Man lebte gefährlich als moderner Tänzer, passte sich an wie Grete Wiesenthal oder floh wie Gertrud Bodenwieser. Der Wiener Tänzer Sascha Leontjew etwa wurde 1942 in Mauthausen ermordet.

Der Festivaluntertitel "Tanz vor 1938 - Tanz von heute" formuliert für die Gegenwartskünstler eine echte Herausforderung. Das historische Material stellt manche vor schier unlösbare Probleme. Renato Zanellas Wallfrau etwa, mit Jolantha Seyfried im Titelpart und dem sympathischen Serapions-Ensemble, leidet unter schulmeisterlichen Texteinspielungen und einem angegammelten Aktionismus. Nikolaus Adler wiederum löschte Hanna Bergers Solo Die Unbekannte aus der Seine durch seine eigenen Beigaben buchstäblich aus.

Und Bernd Bienert schaffte es nur, Bergers Schrittmaterial zu einer eitlen Tanz-Video-Selbstdarstellung zu verbraten. Die Berührungen schaffen eine Atmosphäre der Ambivalenz. Die einstige Tänzerin bei Bodenwieser, Shona Dunlop-MacTavish, kam aus Neuseeland angereist und überraschte mit Videos ihrer eigenen, heutigen Kreationen. Ihre zuckerlfärbig gekleideten Nonnen erzählten von der Auflösung des historischen Expressionismus in Kitsch. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.10.2008)

  • Berührungen: Die Tanzszene der Zwischenkriegszeit wird im Odeon wiederbelebt.
    foto: odeon

    Berührungen: Die Tanzszene der Zwischenkriegszeit wird im Odeon wiederbelebt.

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