Handel rechnet mit Rückgang des Konsums

10. Oktober 2008, 17:20
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Handelsforscher erwarten angesichts von Finanzkrise und Konjunkturflaute ein Nachlassen des Konsums. Diskonter profitieren

Handelsforscher erwarten angesichts von Finanzkrise und Konjunkturflaute ein Nachlassen des Konsums. Diskonter profitieren. Für Kleinbetriebe und Verbraucher wird es schwieriger, an Kredite heranzukommen.

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Wien - Der Finanzkrise kann sich auch der Handel nicht entziehen. Er wolle sicher nicht schwarzmalen, sagt Wolfgang Richter, Chef des Marktforschers Regioplan im Gespräch mit dem Standard, "aber eine Anhäufung schlechter Nachrichten ist Gift für den Konsum" . Konsumenten tendierten in Zeiten der Unsicherheit dazu, zu sparen, statt zu investieren. Auch in Österreich zeichne sich eine Absatzdelle von gut drei Jahren ab. "Wir stehen erst am Anfang."

Generell würden Ausgaben für Waren, die weniger Grundbedürfnisse als individuelle Wünsche erfüllten, steigen. Die Österreicher lassen sich heuer etwa Mobiltelefonie erstmals mehr kosten als Textilien. Doch werde gespart, dann brechen diese Produktgruppen weg, meint Richter. Vor allem die Möbelbranche, der Elektro- und Schmuckhandel würden das zu spüren bekommen.

Im Lebensmittelhandel könnten die Diskonter einmal mehr profitieren. Große Verschiebungen erwartet Regioplan aber nicht. Denn im konventionellen Handel verlagere sich derzeit vieles hin zu billigeren Eigenmarken, sagt Irene Salzmann von ACNielsen Österreich. Das gelte vor allem für Grundnahrungsmittel, die sich heuer verteuerten. Lidl-Chef Hanno Rieger beobachtet in seinen 176 Filialen zudem ein breiteres Spektrum an Kunden. "Es kommen vermehrt einkommensstärkere Konsumenten zu uns."

Auch der Handelsexperte Leopold Bednar erwartet bei längerfristig angelegten Investitionen zunehmende Kaufzurückhaltung. Was Umschichtungen von Erspartem in Immobilien betreffe, sei das kein Thema für die breite Masse. Fritz Aichinger, Obmann des Wiener Handels, vertraut nach wie vor darauf, dass Konsumenten "in feste Werte investieren" . Dramatisch werde es erst, wenn der Handel heuer Einbußen im zweistelligen Prozentbereich verbuche. Aber davon sei derzeit noch keine Rede.

Einig ist sich die Branche, dass die flauere Konjunktur den Spreu vom Weizen trennen wird. In einen Teufelskreis geraten vor allem kleine Händler mit wenig Eigenkapital. Viele sind bei Warenkauf und der Überbrückung saisonschwächerer Monate auf Betriebsmittelkredite angewiesen. Da die Banken auf die Bremse steigen und die Kosten für Fremdkapital steigen, stünden in Osteuropa bereits etliche Händler vor ernsten Problemen, so Bednar. Auch in Österreich seien Betriebe mit geringer Bonität nicht davor gefeit, vom sinkenden Konsum auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. "Die Branche muss heuer genauer rechnen als je zuvor."

Händler verzeichneten oft gerade einmal Renditen von zwei Prozent. "Sie bewegen sich auf dünnem Eis" , meint auch der Handelsexperte der Wirtschaftsuni Wien, Peter Schnedlitz. Ein konjunkturelle Böe könne da schon genügen, um etliche aus der Bahn zu werfen.
Die Banken agierten zunehmend strenger, bestätigt Aichinger. "Die öffentliche Hand ist gefordert." Es brauche Instrumentarien, um die Haftungen für kleinere Kredite von bis zu 100.000 Euro zu verbessern.

Strengere Bonitätsprüfung

Von einer allgemeinen Kreditklemme für mittelständische Betriebe, wie sie bereits aus anderen Ländern berichtet wird, ist in Ös-terreich noch nichts zu merken, heißt es in der Wirtschaftskammer Österreich. Aber Banken würden strenger auf die Bonität der einzelnen Schuldner achten und bei größeren Risiken höhere Zinssätze fordern. Dies treibe vor allem für kleine Unternehmen die Finanzierungskosten in die Höhe.

Eine solche strengere Überprüfung bekommen auch private Verbraucher zu spüren, die etwa Handyverträge unterschreiben oder bei Versandhäusern bestellen. Immer öfter werde die Zahlungsfähigkeit der Kunden überprüft, berichtet die Chefin der Datenschutz-Kommission, Waltraut Kotschny. Allerdings seien diese Kreditauskünfte oft nicht richtig, beklagt die Juristin und fordert eine gesetzliche Regelung solcher Auskunftsdateien. (Verena Kainrath, Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2008)

  • Konsumenten greifen in Zeiten der Krise zu günstigeren Produkten. Der
Handel muss sich auf härtere Zeiten einstellen.
    foto: standard/ -------------------------------------------------------------------------------- fotograf/grafiker: christian fischer

    Konsumenten greifen in Zeiten der Krise zu günstigeren Produkten. Der Handel muss sich auf härtere Zeiten einstellen.

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