Die Verdoppelung der Gefühle

10. Oktober 2008, 17:09
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Roberto Alagna und Angela Gheorghiu singen ab Samstag an der Staatsoper in Wien in der Neuproduktion von Gounods "Faust" - Im STANDARD-Interview

Standard: Sie halten sich nicht nur als Opernstars schon sehr lange, sind am unablässig totgeredeten klassischen CD-Markt enorm präsent. 2006 haben Sie eine Million Tonträger verkauft.

Alagna: Die CD-Industrie ist enorm wichtig. Im Englischen heißt es: "If we don't sell and buy, we'll die." Das ist sehr richtig. Ich finde, dass es für junge Sänger heute wesentlich einfacher ist, die erste CD aufzunehmen. Die Plattenfirmen vergeben keine Fünfjahresverträge mehr, aber die erste Chance bekommt man schnell, wenn ich da an Erwin Schrott oder René Pape denke.

Gheorghiu: Nein, das stimmt überhaupt nicht. Da bin ich ganz anderer Meinung. Wann haben Pape und Schrott ihre Karrieren begonnen? Vor 15 Jahren. Und jetzt fallen ihre CDs erst ins Gewicht. Ich finde, dass es für junge Sänger viel schwieriger geworden ist. Eine CD ist nicht einfach eine CD oder DVD. Es muss mehr sein als eine nette Stimme und ein toller Körper. Es muss eine Persönlichkeit sein, die reale Momente vermitteln kann. Die Herausforderung liegt darin, auf der Bühne besser zu sein, als auf der CD, die die Leute schon kennen.

Standard: Braucht die Oper wirklich Stars, wären exzellente Sänger nicht ausreichend?Alagna: Stars und Diven sind überall wichtig. Im Film, im Sport. Sie schaffen Atmosphäre. Warum schauen wir uns die Spiele der Fußballweltmeisterschaft an? Wir wollen Rinaldo, Zidane, Beckham und all die anderen sehen. Die Stars sind für das Publikum wichtig, sie vermitteln ein Gefühl der Wichtigkeit. Niemand geht in die Oper, um über tiefgründige Philosophie nachzudenken. Es ist die Show, die lockt. Die Menschen suchen Ablenkung, wollen sich unterhalten. Wenn wir auf die Bühne gehen, gehen wir aber nicht als Stars hinaus, wir sind nur Sänger, Kollegen. Aber es gibt eben auch den Begriff des "Dieu de stage" .

Gheorghiu: Jeder hat natürlich einen anderen Grund, in die Oper zu gehen. Generell denke ich, dass die Leute Sänger hören und Stars sehen wollen. Roberto und ich haben ein Publikum, das von überall auf der Welt hier nach Wien kommt, um uns in dieser neuen Produktion zu hören und zu sehen.

Standard: Der Regisseur der Produktion, Nicolas Joël, kann nach einem Schlaganfall seine Ideen nicht umsetzen. Wie angespannt ist die Situation so kurz vor der Premiere?

Alagna: Es ist nicht so schlimm. Der Assistent ist gut und versteht sein Handwerk. Konzept und Ideen Joëls sind klar, der Assistent steht auch ständig telefonisch in Kontakt mit ihm. Außerdem: In der Oper gibt es ständig aus irgendeinem Grund irgendwelche Änderungen. In jeder Produktion, in der ich bisher war, musste man kurzfristig nach neuen Lösungen suchen.Gheorghiu: Wir treiben die Arbeit einfach selbstständiger voran. Roberto und ich kennen die Rollen der Marguérite und des Faust genau, Roberto hat die Oper auch schon mit Joël in Orange erarbeitet. Wir probieren Dinge aus, verwerfen sie wieder, es ist nie gleich.

Standard: Bertrand de Billy, der Dirigent der Faust-Premiere, macht die Faszination an Gounods Musik am Wechselspiel zwischen Erotik und Religiosität fest. Wie empfinden Sie das aus der Rolle heraus?

Gheorghiu: Es beginnt mit Goethes Philosophie als Teil des Lebens. Der Grundgedanke ist, dass Männer und Frauen ihre Jugend wieder bekommen. Und was ist das Erste, woran junge Leute denken? Die Liebe. Das Religiöse kann man auch, egal ob man an Gott glaubt oder nicht, als Suche nach der Wahrheit betrachten. Es geht nicht darum, ob man an Gott als Quelle der Wahrheit glaubt. Kompliziert wird es dann, wenn es keine Möglichkeit für Wahrheit gibt.

Standard: Gibt es einen besonderen Moment der Wahrheit, wenn man, wie Sie, als Ehepaar als Faust und Marguérite auf der Staatsopernbühne steht?

Alagna: Für mich ist die Arbeit auf der Bühne nie weit von der Realität entfernt. Das Leben ist die Arbeit. Manchmal ist meine Frau auf der Bühne für mich Angela, manchmal Marguérite oder Traviata. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich gern träume.Gheorghiu: Für mich ist das genauso. Wenn wir gemeinsam auf der Bühne stehen, gibt es eine Magie, die ich nicht erklären kann, die wir auch nicht planen können, eine Magie, die sich auch auf der Bühne zwischen Roberto und Angela abspielen kann. Wir bemühen uns natürlich, gute Kollegen zu sein, trotzdem sind die Gefühle "doppelt" : für die Figur und für den Menschen. Er schläft in meinem Bett, ich weiß, wie es ihm geht, ob er gut geschlafen hat.

Alagna: Eigentlich schläfst du in meinem Bett!

Gheorghiu: Darüber reden wir noch, - nein, ernsthaft: Es kann durchaus sein, dass wir heftig streiten und dann der eine sagt: "Red' nicht, sing!" Ärger dauert bei uns nie lange und auf der Bühne ist alles sofort vergessen. Wir sind seit 1995 zusammen. In einer so langen, tiefen Beziehung muss einer die Entscheidungen des anderen respektieren und mittragen.

(Petra Haiderer, DER STANDARD, 11./12.10.2008)

Zu den Personen
Die Rumänin Angela Gheorghiu (Jahrgang 1965) hatte ihren Durchbruch als Violetta in London und ist eine der gefragtesten Sopranistinnen der Gegenwart. Der Franzose Roberto Alagna (Jahrgang 1963) ist einer der führenden Tenöre des italienischen und französischen Opernfaches.

  • Ein Paar im Leben und auf der Bühne: Sopranistin Angela Gheorghiu und Tenor Roberto Alagna.
    foto: newald

    Ein Paar im Leben und auf der Bühne: Sopranistin Angela Gheorghiu und Tenor Roberto Alagna.

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