Mosaiksteine

10. Oktober 2008, 16:52
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Zwischen Orient und Okzident: Farbenprächtige Opulenz kontrastiert mit dem "charme désolée" verfallender Fassaden - "Die Basare Istanbuls"

Betörende, süße, aromatische, aphrodisierende Düfte konkurrieren mit Abgasen einer modernen Stadt. In seinem hektischen Treiben und seiner üppigen Vielfalt gleicht Istanbul einem Basar. Das Basarviertel wiederum steht als Teil für das Ganze, ist ein Spiegel Istanbuls.

Der Faszination der Basare Istanbuls, des Handelszentrums des ehemaligen Byzanz, des einstigen Konstantinopel, dieser sinnlichen Synthese zwischen 21. Jahrhundert und einer Anmutung von tausendundeiner Nacht, folgten die Autorinnen Laura Salm-Reifferscheidt und Isabel Böcking sowie der Fotograf Moritz Stipsic. Aus optischen Rückblicken und Einblicken in die Gegenwart der Basare wurde ein zeitübergreifendes, buntes Mosaik gefertigt.

Auf der historischen Halbinsel der Stadt am Bosporus wetteifern jahrhundertealte Markthallen, Basare, Moscheen und Lagerhäuser mit Betonburgen um begrenzten Platz. Tradierte osmanische Handwerkskunst trifft auf Globalisierung, Orient auf Okzident, Tradition auf Moderne. Romantik auf Funktionalität, liebenswürdiger, anmutiger Kitsch auf modernes Design. Gebäude und Menschen erzählen Geschichten von handgewebten Kelims aus Anatolien, feinen Gewürzen aus dem Morgenland und orientalischen Wasserpfeifen, von Religion, Tradition und Veränderung. In diesem Schmelztiegel findet man ägyptisch-arabische Architektur, Teppiche, Textilien, kalligrafische Kunstformen, Goldschmiedekunst, Ledergerbereien, exotische Genüsse wie "Schwarzes Gold" und "Blauen Dunst" , neuerdings in zunehmendem Ausmaß auch Fake-Markenartikel, mit denen emsig gehandelt wird.

Die Reise führt durch enge Gassen und die überdachten Gemäuer des Großen Basars, durch duftende Gewürzbasare und versteckte Bücherbasare. Alteingesessene Händler schwärmen oft noch von der "guten alten Zeit", während sie nach neuen Produkten im Internet suchen. Ihre Söhne sind offen und tolerant, gekleidet nach neuesten Modetrends. Und dennoch würden ihre Mütter und Schwestern nie ohne Schleier das Haus verlassen. Die Bosporus-Metropole ist wie ihre Menschen, die Istanbuler wie ihre Stadt: den Traditionen des Ostens verhaftet, den Blick nach Westen gerichtet. (Gregor Auenhammer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.10.2008)

Laura Salm-Reifferscheidt, Isabel Böcking, Moritz Stipsicz. "Die Basare Istanbuls" . 226 Seiten / € 49,90. Brandstätter V., Wien 2008

  • Artikelbild
    foto: cremer
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