"Unbedeutende Sachen"

10. Oktober 2008, 17:00
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Katja hat Mexiko City verlassen und besucht in Morelia das 6. Internationale Filmfestival und findet im Film von Andrea Martínez ihren Favoriten

Der 15. September 2008 hat die Stadt Morelia (1) schwer getroffen. Während der Feierlichkeiten zum Tag der Unabhängigkeit detonierten im historischen Zentrum zwei Granaten, die sieben Todesopfer forderten und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten. Drei Wochen später bringt das 6. Internationale Filmfestival wieder etwas Leben in die Stadt.

Schwere Regentropfen fallen vom Himmel als Zuzi und ihre Tochter Natalia Schutz unter einem der Schirme des Straßencafés suchen. Ich sitze gegenüber und teile ihr Schicksal, aufmunternd nicke ich ihnen zu. Die beiden sind, wie ich, von Mexiko City zum Filmfestival nach Morelia angereist. Doch die Tatsache, dass ich aus Österreich komme lässt sie sogar vermuten, dass ich hier einen Film präsentieren könnte. Zuzi ist in Morelia aufgewachsen und fragt mich ob ich vom Attentat gehört habe. Ich bejahe und berichte ihr, dass ich noch in Österreich davon in der Zeitung gelesen habe.


Blumen, Kerzen und nachdenkliche Menschen erinnern auch Wochen später noch an die Opfer des Attentats. Foto: Katja Fleischmann

"Nach dem Anschlag war Morelia wie ausgestorben, die Menschen trauten sich nicht mehr aus ihren Häusern. Jetzt, durch das Festival, erwacht die Stadt schön langsam wieder". Am Abend haben wir Karten für den gleichen Film und so treffe ich Mutter und Tochter später im Kino wieder.

"Unbedeutende Sachen" mit großer Wirkung

"Cosas insignificantes" (2), ein Film der mexikanischen Regisseurin Andrea Martínez, erzählt die Geschichte der jungen Esmeralda, die jeden möglichen Krimskrams sammelt, den sie auf der Straße findet und ihn in ihre "Schatzkammer" klebt: ein Zettel mit der Telefonnummer einer Ines, ein Glitzerpfeil, ein Seepferdchen aus Papier. All diese unbedeutenden Sachen haben für bestimmte Menschen Symbolcharakter und der Film erzählt leichtfüßig, beinahe schwerelos ihre ganz persönlichen Geschichten, die sich an verschiedenen Stellen miteinander verweben, ineinander verstricken. "Denn wir alle, egal ob reich oder arm, jung oder alt leben zeitgleich unsere ganz persönlichen Alltäglichkeiten, unsere Sorgen und Nöte, unsere Freuden und Lieben, die sich mehr ähneln als wir glauben", so Martínez.


Bange Momente am Ticketschalter: gibt´s noch Karten für den Film? Foto: Katja Fleischmann

Als der Film zu Ende ist, kommen die Regisseurin und einige der HauptdarstellerInnen auf die Bühne und das Publikum klatscht begeistert Beifall. Aus den Kommentaren geht hervor, dass der Film gerade durch die Akzentuierung des Nebensächlichen besticht und dadurch Grund zur Hoffnung gibt. Hoffnung auf eine Rückbesinnung auf schlichte Werte mit großer Wirkung.

Das mexikanische Kino ist aufstrebend und vielseitig, das ist mein Eindruck der letzten Tage. Neben Spielfilmen habe ich mir auch Dokumentationen und Kurzfilme angesehen und ich bin gespannt, ob der eine oder andere Film auch international von sich hören lässt. Ich jedenfalls habe meinen Favoriten schon gekürt! (Katja Fleischmann)

1 Hauptstadt von Michoacán, ca. 350 km westlich von Mexiko City
2 Zu Deutsch: "unbedeutende Sachen"

  • Das Filmfestival in Morelia bringt wieder Leben in die Stadt.
    foto: katja fleischmann

    Das Filmfestival in Morelia bringt wieder Leben in die Stadt.

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