Die Ausquartierung des Sentiments

9. Oktober 2008, 19:40
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"Tosca" -Regisseur Alfred Kirchner im Gespräch – ab Sonntag ist das Ergebnis zu begutachten

Wien - "Mit Tosca wollen wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren" , sagte Giacomo Puccini über seine Oper, die 1900 in Rom uraufgeführt wurde. Regisseur Alfred Kirchner weiß, dass dieses Bestreben des Komponisten gerne übergangen wird: "Seine Musik liefert vielfach den Vorwand, einfach schön zu singen und die Regie zu vergessen." Dass Puccini die szenische Umsetzung wichtig war, sei aber belegbar: "Er hat unendlich viele und akribische Regieanweisungen eingetragen."

Kirchner will das darstellerische Potenzial bis ins Extrem ausloten. "Die Tosca-Sängerin muss von der Heiterkeit des Anfangs bis zur unbeschreiblichen Notsituation des Nur der Schönheit weiht' ich mein Leben viele Schattierungen ausdrücken. Diese Arie kann leicht im Sentimentalen steckenbleiben." Regie müsse aber kenntlich machen, "dass da eine Frau kurz vor der Vergewaltigung durch einen ausgefuchsten Macho steht, während sie weiß, dass im Nebenzimmer ihr Mario gefoltert wurde" .

Leiche wird betrachtet

Dem komplizierten Verhältnis von Tosca zu Bösewicht Scarpia widmet Kirchner besondere Aufmerksamkeit. "Scarpia übt eine Anziehungskraft auf sie aus, weil er, ebenso wie sie, eine Diva ist. Sie will glänzen, er auch. Merkwürdigerweise ersticht sie ihn relativ emotionslos. In der Buchvorlage hat sie auch in dieser Situation noch das Gespür für das Dramatische, inszeniert die Szene mit Kerzen und Kreuzen. Bei mir betrachtet sie die Leiche, freut sich über den Sieg. Es ist eine erotische Szene mit erotischer Musik."

Kirchner hat sich als Assistent von Peter Zadek und in Wien im Team mit Claus Peymann - "er hat das Theater nach außen vertreten, gab es nach innen Schwierigkeiten, war ich federführend" - im Sprechtheater einen Namen gemacht. Seine Arbeit mit "Theaterbildern, nicht naturalistischen Opernbildern" verdeutlicht Kirchner am Beispiel des Chores: "Der Chor ist Ausdruck der Unheimlichkeit der gesamten Konstellation zwischen Religion, Sexualität in Abhängigkeitsverhältnissen und Militär. Ich lasse den Chor aus dem Boden emporwachsen, als Bild für die Absurdität der Schlachtenverehrung."

Der Künstler als Träger politischer Verantwortung - ein Thema, für das Kirchner brennt. "Die Situationen und Beziehungsgeflechte in Tosca sind das Ergebnis eines Systems, das auch uns heute bekannt ist. Die antiliberalen Systeme stecken in uns selbst, in unserer Gesellschaft, sie prägen die Aggressionen. So betrachtet, ist Tosca ein zeitgenössisches Stück." Im Hinblick auf seine Inszenierung unterscheidet er zwischen "modern" und "zeitgenössisch" .

Optisch werden die drei Hauptspielplätze - die Kirche von Sant' Andrea della Valle, der Palazzo Farnese und die Engelsburg - "zitiert" , verrät Kirchner. "Modern ist meine Sicht des Werkes nicht, aber zeitgenössisch. Modern ist negativ besetzt in dem Sinne, dass es nicht notwendig ist, dem Zuschauer unbedingt zu zeigen: ‚Es ist heute genauso.‘ Es geht für mich vielmehr darum, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, die Emotionen mit seinen eigenen Erkenntnissen zu erfassen." (Petra Haiderer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2008)

12. Oktober, Volksoper, 19.00

  • Alfred Kirchner inszeniert Puccinis "Tosca".
    foto: dimov

    Alfred Kirchner inszeniert Puccinis "Tosca".

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