Im Nebel der Erkenntnis: Olafur Eliassons "Yellow Fog"

9. Oktober 2008, 18:53
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Seit Donnerstagabend wird täglich das Verhältnis zwischen Passanten und "Architektur Am Hof" in Wien neu bestimmt – für jeweils eine Stunde bei Einbruch der Dämmerung

Wien - Seit Donnerstagabend zieht Am Hof in Wien täglich zum Einbruch der Dämmerung Nebel auf. Für genau eine Stunde lang verhüllen Schwaden die Zentrale des Verbund-Konzerns, färbt gelbes Licht jenen Nebel, der nicht vom Wetter kommt, sondern - künstlich erzeugt - aus Gittern entlang der Gebäudefront dringt. Ganz so, als wäre Am Hof irgendwo in New York, ganz so, als würden auch die Eigenheiten des hiesigen Heizungssystems für Dampf aus dem Untergrund sorgen, für Dampf, der dann in Kombination mit dem Umgebungslicht für Atmosphäre sorgt.

Bloß ist beim Yellow Fog in Wien nichts dem Zufall überlassen. New York ist eine von unzähligen Assoziationen, die das präzise inszenierte Schauspiel des 1967 in Kopenhagen geborenen Künstlers Olafur Eliasson zulässt.

Und mehr noch: Eine erste Variante dieser Inszenierung war 1998 auch tatsächlich in New York zu sehen - als temporäre Installation im öffentlichen Raum vor dem Jewish Museum. Diese Arbeit nun zum einen auf Dauer zu installieren und zum anderen in einer völlig anders konnotierten Umgebung "auftreten" zu lassen bereitet Eliasson kein Problem: "Ich hatte die Möglichkeit, die Arbeit neu zu konzipieren, sie präziser mit dem Ort zu verweben." Und "präzise" meint im Werk des spätestens seit seinen umgekehrten Wasserfällen am Hudson River in New York weit über die Grenzen des Kunstbetriebes rezipierten Künstlers möglichst nahe an der Schnittstelle von Institution und Betrachter, von Museum und Besucher, von Werk und dessen intendierter Wirkung.

Ein pädagogischer Ansatz ist dem nicht abzusprechen, Eliasson ist aber allem "Vermitteln von Kunst" gegenüber skeptisch, sucht nach Methoden, "Sensationen" möglichst unmittelbar erfahrbar zu machen. "Sensationen" sind das stets, die in natürlichen Prozessen - im Wetter, im Licht - ihr "Vorbild" haben, längst aber nur mehr gefiltert durch einen je persönlichen Handapparat wissenschaftlicher Erklärungsmodelle zum Phänomen wahrgenommen werden können. Wenn man so will, baut Olafur Eliasson Versuchsanordnungen, überträgt Modelle aus der Welt der Wissenschaft bzw. des Physikunterrichts in einen größeren Maßstab. Und enthebt sie der Notwendigkeit, linear zweckdienlich zu sein.

"Die Kunst" , sagt er, "kann von den Wissenschaften profitieren, kann strikte Herangehensweisen übernehmen, die wissenschafts-intern durchaus auch problematisch sind." Umgekehrt ist kaum Profit zu holen: "Die Künstler arbeiten ja doch nur für sich selbst. Keiner sieht ein Anliegen darin, die Wissenschaften vom Stigma ihres selbstauferlegten Regelwerkes zu befreien." Bleibt, nutzbare Veranschaulichungen in einen anderen Kontext zu übertragen, auf einer Ebene sinnlich erfahrbar zu machen, die nicht einseitig ergebnisorientiert ist.

Was macht Yellow Fog am Hof? Welche Auswirkungen haben die im Dreiminutentakt ausgestoßenen Nebelschwaden auf die Wahrnehmung des Gebäudes? Nicht die Frage, woraus sich Nebel zusammensetzt, ist von Belang, vielmehr jene, zu welchen Anwendungen er taugt. "Mich interessiert der Werkzeugcharakter des Nebels, seine Funktion, als Instrument die Wahrnehmung des öffentlichen Raums zu verändern."

Der Nebel, der verschleiert, macht Distanzen erst erfahrbar. "Sichtweite" etwa ist bei klarem Licht nicht abschätzbar. "Nebel strukturiert den Raum, er hebt hervor, er akzentuiert, er erlaubt es zu vermessen, Tiefe und Breite anders zu erfahren." Und: "Nebel ist eine ebenso amorphe wie flüchtige Projektionsfläche, gerade das gelbe Licht verhilft ihm zu Sichtbarkeit, gibt dem Nichtfassbaren Körper. Körper, der es dem Passanten erlaubt, in ein täglich neues Verhältnis mit der Architektur, dem Platz, dem Gebäude einzutreten."

Um vielleicht, derart anschaulich vermittelt, auch zu sehen, dass die Fassade jenes Gebäudes aufgeweicht wird, das nicht nur die Zentrale eines Energiekonzerns birgt, sondern auch dessen Kunstsammlung. Yellow Fog vermittelt zwischen dem geschützten Innen der Institution und dem Umraum.

Olafur Eliassons Arbeit zeigt Kunst, die für Momente in die Institution einbricht und zugleich diese gen Öffentlichkeit hin wieder verlässt. "Zwischen Frühstück und Abendessen sollte eigentlich immer ein Museumsbesuch liegen." Eliasson bietet Nebel an, um das leichter zu bewältigen. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2008)

 

  • Olafur Eliasson nutzt Versuchsanordnungen aus diversen Wissenschaften als Mittel, um Erfahrung wieder näher an die Unmittelbarkeit zu bringen.
    foto: andy urban

    Olafur Eliasson nutzt Versuchsanordnungen aus diversen Wissenschaften als Mittel, um Erfahrung wieder näher an die Unmittelbarkeit zu bringen.

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