Der schiefe Turm von Bologna

9. Oktober 2008, 18:45
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Bilanz eines hochschulpolitischen Desasters, das nicht am Ballhausplatz seinen Ausgang nahm - auch wenn dies Deutungen der Uni-Rankings vielleicht nahelegen mögen - Von Robert Pfaller

Angesichts der immer deutlicher sichtbar werdenden Auswirkungen der 1999 begonnenen "Bologna-Reform" der europäischen Universitätsausbildungen möchte man sich fragen, ob die Verantwortlichen wohl noch zu Lebzeiten für das, was sie da angerichtet haben, vor Gericht gestellt werden. Immerhin haben sie es fertiggebracht, die Bedingungen, unter denen junge Menschen studieren können, auf Jahrzehnte hinaus massiv zu verschlechtern.

Millionen von Studierenden quälen sich heute in Europa durch die neuen, frustrierend langweiligen Bachelorstudien, die mit zwingenden Einführungskursen vollgestopft sind; alles Interessantere wird ihnen, solange sie nicht im Master-Stadium sind, verweigert. Genau das, was traditionell die Produktivität des Studierens ausmachte - nämlich dass man in verschiedenen, selbst gewählten Seminaren Gelegenheit hatte, auch mit fortgeschritteneren Kolleginnen und Kollegen zusammenzutreffen, von ihnen zu lernen und eine Ahnung zu bekommen, wohin ein Studium führen kann - dies wird den Studierenden heute verwehrt.

Dass man dadurch schlechtere Absolventen bekommt, drückt sich wohl bereits in den aktuellen Hochschul-Rankings aus und wird in Zukunft noch massivere Spuren hinterlassen.

Während noch in den 70er-Jahren die emanzipatorischen bildungspolitischen Bestrebungen in Europa darauf abzielten, die Schulen den damaligen Universitäten ähnlicher werden zu lassen, wurde durch die Bologna-Reform das Gegenteil verwirklicht. Die Universitäten sind heute kaum mehr etwas anderes als Schulen, und der Großteil der Studierenden bekommt nicht einmal mehr eine Ahnung davon, was Studieren bedeutet. Man speist sie stattdessen mit billigen Titeln ab und steigert so die Akademikerquoten.

Die Reformziele waren: Erhöhung der Absolventenzahlen durch Senkung der Studienabbrecherquoten, Kürzung der Studiendauern und Erhöhung der Mobilität. Sogar all das ist jedoch misslungen. Wie der Präsident des deutschen Hochschulverbandes Prof. Kempen unlängst klargestellte, hat sich die Quote der Studienabbrecher seit der Einführung der Bachelorstudien von 20 auf 25 Prozent erhöht. Und die internationale Mobilität ist nicht einfacher, sondern schwieriger geworden. Das dafür mit hohen Kosten eingeführte Credit-System (ECTS) hat versagt.

Kempen fordert darum ein "massives Gegensteuern". Insbesondere die weitere Einführung der in Bachelor und Master gestuften Studienmodelle sei so lange zu stoppen, bis der Nachweis erbracht sei, dass diese Stufung tatsächlich Vorteile gegenüber den bisherigen Studiengängen brächte. Und der Versuch, 70 bis 80 Prozent der Studierenden schon nach drei Jahren mit einem Bachelor-Titel endgültig von der Universität zu verabschieden, sei völlig falsch. Vielmehr müssten, umgekehrt, mindestens 70 bis 80 Prozent bis zum Master weiterstudieren können; der Bachelor müsse die Ausnahme bleiben. Dies entspricht auch dem Wunsch der Studierenden. Wenn man das Zahlenverhältnis in dieser Weise zugunsten der Masterstudien umdreht, kann man den Bachelor als eigene Zwischenstufe allerdings auch gleich streichen.

Die Bologna-Reform wurde von Leuten gemacht, die mit jedem Reformschritt vor allem sich selbst und ihresgleichen Beschäftigung verschafften. Es hat sich hier, wie der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Nitsch pointiert bemerkt, eine neue "Transformationsfunktionärsfraktion" herausgebildet, die den Spardruck, der auf den Universitäten lastet, zu ihrem politischen Karrieregeschäft macht.

So mussten wegen der Einführung des ECTS-Systems nicht nur in den Brüsseler Büros, sondern auch an allen Universitäten "ECTS-Spezialisten" angestellt werden, und sie sitzen dort heute noch auf ihren Posten. Eine beachtliche Leistung: ein System einzuführen, das nicht funktioniert, das jedoch über mehr als zehn Jahre seine Betreiber ernährt - auf Kosten der universitären Lehre natürlich. Der Befall durch diese missionarisch gesinnte Reformerpopulation hat die Leistungsfähigkeit der europäischen Universitäten entscheidend gesenkt

Der Umstand, dass auf jede Professorin derzeit eine viel zu hohe Zahl von Studierenden kommt, rührt nämlich auch daher, dass die Universitäten gezwungen waren, immer größere Budgetanteile für Verwaltungsspezialisten auszugeben (wie ECTS-Beauftragte, Curriculaentwickler, Qualitätsmanagementspezialisten, Evaluierungsexperten, Forschungsmittelbeantragungscracks, Forschungsberichterstatter etc.), die in der Lage sind, mit den ebenfalls immer zahlreicher gewordenen Verwaltungsspezialisten in Brüssel sowie in den nationalen Ministerien zu kommunizieren.

Der erste Irrtum der Reformer beziehungsweise ihre erste Lüge lag in der Behauptung, eine veränderte administrative Form würde auch eine veränderte universitäre Realität hervorbringen.

So wurden in der Europäischen Union im Zug der Bologna-Reform enorme Mittel für die Entwicklung neuer Studienpläne ausgegeben - so, als ob ein schöner Studienplan automatisch schon ein gutes Studium mit sich brächte.

Die bürokratische Form aber ist immer nur das Nachbild der existierenden Prozesse, niemals ihr Vorbild. Sie kann bestenfalls gute Praktiken gut abbilden, so dass sie ihnen nicht hinderlich wird. Aber sie kann schlechte Praktiken nicht in gute verwandeln.

Abschlussfetischismus

Dasselbe gilt für universitäre Abschlüsse: Es ist ein Irrtum (oder eine Lüge), so zu tun, als ob jeder, der einen Bachelor besitzt, damit automatisch auch ein sinnvolles Studium hinter sich und glänzende Berufsaussichten vor sich hätte. Der Abschluss macht weder Beruf noch gutes Studium; und es gab umgekehrt vor der Reform auch viele Fälle, in denen äußerst erfolgreich ohne Abschluss studiert wurde. Die Universität war damals eben noch offen und vielseitig genug, um auch vielen, die etwas ganz anderes suchten als das, wofür es Abschlüsse gab, etwas Sinnvolles zu bieten.

Derselbe Irrtum zeigt sich auch im derzeit boomenden Berichtswesen: denn ein schöner, ausführlicher Bericht über geleistete Forschungstätigkeit ist leider überhaupt kein verlässlicher Beleg dafür, dass tatsächlich etwas geleistet worden wäre.

Würde man die Forschung nicht von Bürokraten beobachten lassen, die Berichte brauchen, sondern von Fachleuten, die in der Lage sind, Realitäten zu erkennen, dann würden hier treffsicherere Förderungen möglich; und es würden gewaltige Ressourcen frei, die derzeit für lähmende und nichtssagende Aufzeichnungsprozeduren verschwendet werden.

Angesichts der aktuellen Notlage an den europäischen Universitäten sowie der vom deutschen Hochschulverband erhobenen Forderung nach einer "Reform der Reform" schlage ich eine Sofortmaßnahme vor:

Alle, die die Bologna-Reform betrieben oder befürwortet haben, sind sofort aus ihren Funktionen zu entlassen. Ihre Positionen dürfen nicht nachbesetzt werden; die frei werdenden Finanzmittel sind für die universitäre Lehre zu verwenden. Und - absolute Mindeststrafe für jeden Bologna-Befürworter: ein Bachelor-Studium. (Robert Pfaller/DER STANDARD Printausgabe, 10. Oktober 2008)

 

Robert Pfaller ist Dozent für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz; Gastprofessuren u. a. in Amsterdam, Berlin, Chicago, Oslo, Strasbourg, Zürich; zuletzt ist von ihm 2008 im Fischer Verlag erschienen: "Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur".

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