Der Nobelpreisträger: "Ich bin ein Indianer"

9. Oktober 2008, 13:08
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Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio, Erforscher von Existenzformen jenseits der Zivilisation in Romanen wie "Das Protokoll" oder "Der Afrikaner" , erhält den Nobelpreis für Literatur 2008

Wien - Kein Amerikaner. Horace Engdahl, seit 1997 Vorsitzender der Schwedischen Akademie, die über die Vergabe des Nobelpreises für Literatur entscheidet, hatte es vor wenigen Tagen im Interview angedeutet. Der Grund für das auffallende Fehlen von US-Autoren unter den Preisträgern der vergangenen Jahre - Toni Morrison im Jahr 1993 war die bisher letzte Amerikanerin, die in Schweden ausgzeichnet wurde - laut Engdahl: Amerikanische Autoren seien zu opportunistisch. Sie ließen sich zu stark von den "Trends ihrer eigenen Massenkultur" treiben.

Ein Interview, das nicht nur in den USA für Empörung sorgte. In die berechtigte Aufregung um die pauschalierende Abwertung so unterschiedlicher Autoren wie Thomas Pynchon oder Philip Roth mischte sich das Misstrauen über die Entscheidungswege für die immerhin weltweit bedeutendste Auszeichnung für Literatur.

Im Einklang mit der Natur

Liest man das Interview etwas gegen den Strich, liefert es zudem einen Hinweis auf den diesjährigen Preisträger: den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio. Ähnlich vehement wie Engdahl kehrt Le Clézio sich seit den Anfängen seines Schreibens in den Sechziger Jahren ab von den vorgeformten Bahnen des zivilisierten Lebens. "Die Schönheit verstehen bedeutet, den eigenen Rhythmus mit dem der Natur in Einklang zu bringen. Jedes Lebewesen trägt in sich seinen Gesang. Wir müssen im Einklang damit sein, im Einklang bis zur Verschmelzung" schreibt er 1967 in L‘Extase Matérielle/Die materielle Extase.

Schon im ersten seiner über zwanzig Romane, Das Protokoll, für den der damals 23-Jährige mit einem der größten französischen Literaturpreise, dem Prix Renaudot, ausgezeichnet wurde, schildert er einen verstörenden Rückzug aus dem zivilisierten Leben. Sein Protagonist, nicht zufällig Adam Pollo benannt, zieht sich in ein verlassenes Haus oberhalb einer südfranzösischen Großstadt zurück. In seinen Tagebuch-Aufzeichnungen lösen sich die Zusammenhänge der Vergangenheit unwiederbringlich auf - es bleibt das Interesse an den Empfindungen des Augenblicks, an den eigenen Sinnen und ihrer Reaktion auf die Welt - zu einer Verschmelzung mit der Welt. Er wird selbst zu einem Hund, einem Strand, einer Ratte. Das Leben der Erde fließt durch ihn hindurch. Erfahrungen, die seiner Umwelt zu kommunizieren er scheitert. Diese reagiert mit Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus.

Die Erforschung der Möglichkeit eines menschlichen Lebens in Einklang mit der Erde, einer Existenzform, in der sich der Mensch nicht als Krone der Schöpfung, sondern als gleichberechtigtes Mitgeschöpf unter anderen bewegt, durchzieht Le Clézios Werk - und Leben. Rund vier Jahre lang verbrachte er bei den Embera-Indianern in Panama, Erfahrungen, die sein Roman Hai (1971) reflektiert. "Ich weiß nicht, wie es möglich ist, aber es ist so: ich bin ein Indianer" formuliert er dort die Verbundenheit zu einer fremd-vertrauten Existenzform.

Nicht-europäischen, nicht-christlichen Lebensformen begegnete Jean-Marie Gustave Le Clézio schon als Kind: Der Vater, dessen bretonische Familie im 18. Jahrhundert nach Mauritius ausgewandert war, lebte in Afrika, im heutigen Nigeria - wohin die Mutter 1948 mit dem Sohn zurückkehrte - nachdem sie acht Jahre zuvor, für die Geburt ihres Sohnes, Jean Marie Le Clézio wurde am 13. April 1940 in Nizza geboren, nach Europa gereist war und durch den Krieg an einer Rückkehr gehindert.

Der Begegnung des Achtjährigen mit dem verschlossenen Fremden, der sein Vater war, hatte sich Le Clézio im 2004 erschienen Roman Der Afrikaner (dt. 2007) genähert. Ein Jahr zuvor schon hatte er die Geschichte der väterlichen Familie ins Zentrum des Romans Revolutionen gestellt. Zweimal schildert er darin eine Auswanderung nach Mauritius: Jene des Bretonen Jean Eudes Marro Ende des 18. Jahrhunderts - und jene eines späten Nachfahren, der Ende der 1950er Jahre vor dem Militäreinsatz im Algerienkrieg auf die Insel flieht.

Von der französischen Kritik wurde er als Bewahrer einer traditionellen Form des Romans als Antipode zu den Experimenten des Nouveau Roman betrachtet. Dennoch begleitet sein Werk das Nachdenken über die Unmöglichkeit, jene ihm wesentlichen Erfahrungen eines ursprünglichen Einklangs der Lebewesen in einem reglementierten Zeichensystem, wie es die Sprache ist, wiederzugeben.

"Wer schreibt, schreibt mit den anderen. Es gibt keine Freiheit für ihn. Welches auch immer der Code sei, den er wählt, er wählt ihn im Hinblick auf die Verständigung." Sprachlose Freiheit schenkt er indes seinen Figuren, wie Francois Besson in Die Sintflut, den er im Sturm an ein Meeresufer führt: "Es genügt zu atmen, so, im Rhythmus des Meeres, langsam und lange, mit Macht" .

Die schwedische Akademie ehrte in Le Clézio nun "den Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase, den Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation." (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2008)

Links:
Wikipedia.org/Jean-Marie_Gustave_Le_Clézio
Biografie und Werkverzeichnis der Nobel-Stiftung

Bücher:
Derzeit ist in deutscher Übersetzung nur Le Clézios jüngster Roman im Handel: Der Afrikaner, aus dem Französischen von Uli Wittmann, Carl Hanser Verlag 2007, 136 Seiten / 14,90 €.
Auf Deutsch waren in den vergangenen Jahren zahlreiche Werke Jean-Marie Gustave Le Clézios bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, darunter Fische aus Gold, Fliehender Stern, Wüste und Ein Ort fernab der Welt, sämtliche Ausgaben sind derzeit vergriffen. Der Verlag gab nun bekannt, umgehend Maßnahmen für den Neudruck setzen zu wollen. Wann genau welche Romane beim Kölner Verlag wieder verfügbar sein werden, soll in den nächsten Tagen feststehen.
Bei Reclam wird jedenfalls noch im November dieses Jahres in der Reihe originalsprachiger Ausgaben Villa Aurore et autres histoires (180 Seiten / 5,40 €) erscheinen. (ih)

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    Vier Jahre lebte Jean-Marie Gustave Le Clézio bei Indianern in Panama, Jahre seiner Kindheit verbrachte er in Afrika: Begegnungen, die die Themen seiner Romane prägen.

     

     

     

     

  • 2007 in Cannes 
 
    foto: /kirsty wigglesworth

    2007 in Cannes

     

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    Le Clezio bei einem Interview 1963

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