Ein Vampir meldet sich zurück: "Hurricane"

9. Oktober 2008, 17:02
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Grace Jones, die androgyne Stil- und Pop-Ikone der 1980er-Jahre, veröffentlicht ein fantastisches neues Album

Mit ausgesuchten Zickigkeiten, Unzuverlässigkeiten und Tobsuchtsanfällen sowie tätlichen Angriffen auf Fernsehmoderatoren und Paparazzi nahm La Jones das System Naomi Campbell um ein Jahrzehnt vorweg.


Es ist nicht so, dass Grace Jones vollständig von der Bildfläche verschwunden war. Während der vergangenen 20 Jahre hatte es der einstige Weltstar nur nicht besonders leicht. Ihre öffentlichen Auftritte fanden speziell in Österreich unter ausgesprochen glücklosen Umständen statt. In niederösterreichischen Landdiskotheken lange nach Mitternacht vor grölender und grapschender Schnurrbartjugend halbnackt mittels Vollplayback alte Hits abzuspulen ist schon nicht besonders fein. 1996 allerdings als bezahlter Gast eines Wiener Baumeisters kurz den Opernball zu besuchen muss eigentlich als Karriereende angesehen werden. There's no escape from Lugner-City.

Nach ihrem letzten Studioalbum Bulletproof Heart, 1989 angesichts ihrer früheren Welterfolge ein Flop katastrophalen Ausmaßes, der parallel dazu wohl auch ihre Filmkarriere ziemlich rasch beendete ("Conan", "James Bond" ...), machte die Jones bis zuletzt nur spärlich von sich reden. Ausgerechnet wieder in Österreich feierte sie heuer mit einem Cameo-Auftritt Wiederbeachtung im lokalen Rahmen. Jones gab im Falco-Film "Falco - Verdammt wir leben noch!" eine dominikanische Disco-Putzfrau am Rande der Glaubwürdigkeit.

Kehraus in der Disco

Disco und Kehraus: Die Karriere der Disco-Bewegung ist eng mit jener von Grace Jones verbunden. Die 1948 in Spanish Town nahe der jamaikanischen Hauptstadt Kingston als Grace Mendoza geborene spätere Ikone der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre übersiedelte als Teenager mit ihrer Familie Mitte der 60er-Jahre nach New York. Sie hatte wegen eines ausgeprägt "starken" Charakters bald Probleme in der Schule, wurde zunehmend verhaltensauffällig. Nach dem Besuch einer Schauspielschule begann sie als Model zu jobben und sorgte aufgrund ihres kantigen, strengen und in den USA nur schwer vermittelbaren, die Geschlechterrollen infrage stellenden Images bald in Paris für Furore.

Im Dunstkreis der legendären Discothek Studio 54 in New York stieg der androgyne Star bald zur Muse Andy Warhols auf. Parallel zu frühen musikalischen Arbeiten im Zeichen klassischen Discosounds und dem frühen Welthit La Vie En Rose, einer eleganten Discoversion des Klassikers von Edith Piaf, mauserte sich Jones zur absoluten It-Woman.

Vor allem auch dank ihres damaligen Lebensgefährten, des Modefotografen Jean-Paul Goude. Er stilisierte sie 1981 im Fotoband "Jungle Fever" zur animalischen wie gleichzeitig unterkühlten, jedenfalls gefährlichen und unberechenbaren Fashion- und Zeitgeist-Ikone. Konzertauftritte, während deren sie nackt in Ketten mit bengalischen Tigern im Käfig sang und unnahbar ihr Publikum mit Verachtung strafte, taten das ihre.

Bis zum epochalen Eighties-Statement Slave To The Rhythm 1985 bestimmte Grace Jones anfangs die Schwulenszene, bald die Popwelt. Zu alldem kam spätestens mit ihrer 1980 gestarteten Zusammenarbeit mit Reggae-Größen wie Sly & Robbie und dem die jamaikanischen Rhythmen in Verbindung mit aseptischer New Wave in die ganze Welt tragenden Produzenten Chris Blackwell der kreative Höhepunkt ihrer Karriere.

Warm Leatherette oder Nightclubbing und ausgesucht-angesagte Coversongs von Iggy Pop / David Bowie, Joy Division oder Roxy Music machten sie zu jener vampiristisch das Zeitgefühl einer ganzen Generation aufsaugenden Diva, deren bald auch heftig ausgelebtes Image mit Zickigkeiten, Unzuverlässigkeiten und Tobsuchtsanfällen wie auch tätlichen Angriffen auf TV-Moderatoren oder Paparazzi das System Naomi Campbell um ein Jahrzehnt vorwegnehmen sollte. Danach war Schluss mit unlustig. Niemand wollte Jones auch nur mit der Beißzange anfassen.

Umso erstaunlicher nun das Comeback einer 60-Jährigen. Das Ende Oktober mithilfe ihrer alten Begleiter Sly & Robbie, dem britischen Querkopf Tricky oder Brian Eno entstandene Album Hurricane darf in der Branche als Sensation gewertet werden. Parallel zu aktuellen Kollektionen von YSL, Marc Jacobs oder Balenciaga fährt auch Jones wieder die Schulterpolster und die Brickettfrisur aus.

Zu schweren, technoiden und düsteren Reggae- und Soul-Beats gibt sich La Jones als unbarmherzige vampiristische Kapitalismuspredigerin. Etwa im auf youtube.com zu bestaunenden fantastischen Alien-Video Corporate Cannibal. Auch stimmlich hat sich La Jones über die Jahre weiter verdüstert. Wir hören neun gleichzeitig aus der Zeit fallende wie hochmoderne Songs, die von einem erzählen: Überleben ist jetzt alles. Ein Album des Jahres. Keine Frage. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.10.2008)


Grace Jones - Hurricane (Edel) -  Ab 31. 10.

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