Vorbildlich die Vorschrift befolgt

8. Oktober 2008, 22:19
156 Postings

Frau M. bat die U-Bahn-Aufseher um Hilfe - aber die verweigerten. Und taten damit nur ihre Pflicht

 

Es war vor ein paar Tagen. Da rang sich Frau M. dann doch dazu durch, ihr Erlebnis nieder zu schreiben und zu mailen. Denn, erklärte sie, ein Blick in die Nachrichten habe sie zaudern lassen: In einer Welt, in der Finanzsysteme zerbröseln und der Ungeist bei Wahlen triumphiert, habe ihre Geschichte doch gar keine Relevanz. Oder sei zu vernachlässigen. Oder interessiere niemanden.

Noch dazu, schreibt Frau M., wo doch alles rechtens war. Denn das hatte man ihr zuerst gesagt - und dann auch noch bestätigt. Und so, sagt Frau M., sei sie vor einem Dilemma gestanden: Auf der einen Seite stand da ihre Empörung - und der war es egal, dass andere Probleme gerade weltrelevanter waren. Und auf der anderen Seite mahnte ihre Erziehung zur guten Staatsbürgerin: Darf man jemandem etwas vorwerfen, wenn nach dem Buchstaben der Dienstvorschrift ohnehin alles in Ordnung ist?

Pflichtbewusst

Schließlich hatte Frau M. ja gelernt, hatten die Mitarbeiter der Wiener Linien mitnichten Nichts, sondern einfach nur ihre Pflicht getan. Und ich unterstelle jetzt einmal, dass Frau M., den Öffi-Menschen mit dieser Formulierung nichts von dem unterstellen wollte, was dann einmal der Hinweis auf ein Pferd und seine Vereinsmitgliedschaft als eine typisch österreichische Art der Widerwärtigkeit beschrieb.

Aber der Reihe nach: Frau M. tat vor einigen Wochen, was zigtausende Wienerinnen und Wiener tagtäglich tun: Sie fuhr mit der U-Bahn. Oder genauer: Sie wollte mit der U-Bahn fahren. Und als sie in der Station Herrengasse jenen Abgang verwendete, der auf der den Ministerien am Minoritenplatz abgewandten Seite liegt, sah sie, wie sich eine Frau mit Kindern und Kinderwagerl die Treppen hinunter mühte.

Einschub

(Einschub: Frau M. merkte später, als wir ein wenig hin- und her mailten, dann an, dass sie es ein wenig seltsam fände, dass dieser Aufgang zwar der weitaus frequentiertere sei, der Lift aber ganz zufällig dort eingebaut worden war, wo die Ministeriumsmenschen ans Tageslicht befördert werden. Dafür, sah sie ein, gebe es sicher gute und bautechnisch ebenso nachvollziehbare wie unwiderlegbare Gründe - aber mit einem bisserl gutem Willen wäre das doch bestimmt auch anders möglich gewesen. Einschub Ende)

In jedem Fall, schreibt Frau M., habe die Mutter sich mit zwei Kindern und einem Wagerl echt schwer getan. Aber weil die Schilderung des Geschehens nicht anschaulicher wird, wenn authentische Beschreibung von einem zweiten Erzähler nacherzählt wird, übernimmt an dieser Stelle Frau M. Tatstatur und Geschichte.

M. schreibt

"Eine Frau und Mutter mit Kinderwagerl, ein Kleinkind darin, ein Kind, wahrscheinlich Kindergartenkind, wird von ihr beraten, wie sie sich anhalten soll (da noch etwas klein), um alleine hinunter zu gehen. Sie hat natürlich auch noch etwas zu tragen, trotzdem nimmt sie das Kinderwagerl und will voll bepackt über die Stufen hinunter. Ich daneben will schon zugreifen, sehe aber zwei stämmige Männer der U-Bahnaufsicht und frage höflich, ob sie der Dame nicht helfen könnten."

„Sie schauen sich ruhig und prüfend die Situation an und antworten: „Na, des deaf ma net"! - Das dürfen wir nicht! Ein Passant war schon zu Stelle und meinte „i deaf des scho", nahm mit der Frau das Wagerl, ich schaute auf die Kleine am Geländer."

Nachfrage

"Gut, die Sache war erledigt, ich hatte aber noch meine Gedanken daran hängen,
mein Weg führte zum Westbahnhof und ich wollte mich dort erkundigen (Info-Stand U-Bahn) welche Sanktionen wohl einen der Männer erwartet hätte, hätte er der Frau geholfen."

"Leider war nur ein Mann meine Anlaufstelle und die Antwort war sehr männlich:"Des is richtig, de deafen des net", (weiter in Normalsprache): die Frau fährt mit der U-Bahn bezahlt aber nur eine Karte für sich, das Wagerl und das Kleinkind zahlen nichts und außerdem müssen „solche Frauen eine Begleitperson mithaben, die ihnen helfen". Ende der Durchsage."

"Naja, was soll ich da noch drauf sagen, ich bin gegangen, aber bis heute finde ich es eine Frechheit. Ist es besser die Frau fällt samt dem Wagerl über die Stufen damit sie die Rettung wegfährt und sie die U-Bahn nicht ausnützt? Welche junge Frau hat schon immer gleich eine Oma, Freundin etc. zur Begleitung für Einkäufe, Arztbesuche usw.? Als Mutter und Großmutter kann ich mit dieser Antwort nur schlecht umgehen. Und ich denke mir, sie ist vielleicht einfach ausgesprochen - aber doch nicht realistisch." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 9. Oktober 2008)

Share if you care.