Ästhetik als Komplize

8. Oktober 2008, 20:40
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Der US-Fotograf James Welling zeigt neue Werkblöcke in der Galerie nächst St. Stephan


Für die "Lichtschrift", wie das Wort Fotografie genau übersetzt lauten müsste, ist es unerheblich, was das Licht erzeugt, das das Fotopapier belichtet. Fotografie als Medium, das sich indifferent gegenüber ihrer wesentlichsten Quelle und Ursache zeigt, ist das, was James Welling in Serien untersucht.
Die Konzentration auf das Medium und seine Bedingungen ist es, was die verschiedensten Werkgruppen, die eher dokumentarisch wirkenden Eisenbahnserien, abstrakte Fotogramme und die Bilder der Light Sources eint. Dieses Analytische zeigt sich, wenn auch verklärt, ebenso in den vier neueren Gruppen, ausgestellt in der Galerie nächst St. Stephan.

James Wellings Herangehensweise ähnelt jener des Wissenschafters, der innerhalb einer Versuchsreihe nur einzelne Elemente variiert. Welling, der zu den wichtigsten zeitgenössischen US-Fotografen gehört, reduziert seine fotografischen Mittel, auf die Rollen Lichtquelle und Objekt. Er isoliert einzelne Möglichkeiten des fotografischen Prozesses auf dem Weg zur Bildproduktion. Eine solche Entscheidung ist, die Kamera, die über die Linse den Bildausschnitt festlegt und somit eine starke Autorenschaft des Fotografen bedingt, einfach wegzulassen:

Er legt Gegenstände direkt auf oder manipuliert das Papier erst beim Belichten. Für die großformatigen cyanfarbigen Torsos (2005-2008), drapiert James Welling weiches Fliegengitter am Fotopapier: Er illusioniert Körper, wo nur Luft ist, und dort, wo tatsächlich Materie als Falte in der Struktur des Stoffs auf Papier trifft, löst sie sich auf, schafft vermeintliche Lichtspuren. Begleitet werden diese starken ästhetischen Effekte von der Gefahr zu sehr assoziativ und weniger analytisch gelesen zu werden.

Die Titel "Torso" zeigen aber, dass James Welling diese Dualität sehr wohl mit einkalkuliert, die Ästhetik vielleicht sogar zum Komplizen eines seiner Ziele macht, "nicht sofort zu entziffernde" Bilder zu schaffen. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2008)

 

 

Galerie nächst St. Stephan. Grünangergasse 1/2, 1010 Wien. Bis 31. 10.

Link: schwarzwaelder.at

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    foto: welling/galerie
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