"Ich will mehr Arbeitsplätze für Insassen schaffen"

8. Oktober 2008, 19:29
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Gefängnisleiterin: In meiner ersten Woche wussten die Kollegen nicht, dass eine Frau vor ihnen sitzen wird. Eine Woche später sagten sie: Jetzt stinkt es am Gang nicht mehr, es riecht nach Parfum

Nach ihrem ersten Monat als Leiterin der Justizanstalt Wiener Neustadt erzählt Teresa Heigert Gudrun Springer von ihren Plänen, mehr Jobs und Langzeitbesucherräume für Häftlinge zu schaffen

Standard: Sie sind nun seit genau einem Monat offiziell Leiterin der Justizanstalt Wiener Neustadt. Was haben Sie bereits verändert?
Heigert: Ich habe mehr Farbe ins Haus gebracht. In meinem Büro hängt jetzt dieses bunte Bild hinter mir, das ein Insasse gemalt hat. Da hing vorher ein Teppich, der nun den Gang aufhellt.

Standard: Sie sind nun die siebente Leiterin einer Justizanstalt in Österreich. Was glauben Sie, warum nun mehr Frauen in der Justiz in Führungspositionen kommen?
Heigert: Es gibt auch mehr Frauen in Unternehmen und in der Politik an der Spitze. Dass es auch in der Justiz möglich ist, spiegelt wider, was sich in der Gesellschaft tut.

Standard: Gibt es einen besonderen Draht zu den anderen Leiterinnen?
Heigert: Es gibt einmal im Monat eine AnstaltSleiterkonferenz zum Austausch. Man sucht sich dann seine Vertrauten – ob das jetzt Männer oder Frauen sind.

Standard: Hatten Sie irgendwann in Ihrer Karriere das Gefühl, dass es hinderlich war, dass Sie nicht in Österreich geboren sind?
Heigert: Ich bin gebürtige Polin. Mein Weg als Frau, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, war sicher steiniger. Als ich mich vor meiner Zeit als Justizwachebeamtin telefonisch als Verkäuferin bewarb, war die erste Frage: Tragen Sie ein Kopftuch? Es war sehr verletzend, dass meine Fähigkeiten weniger interessierten als das.

Standard: Das deutsche Justizministerium traf die Einschätzung, Justizmitarbeiterinnen hätten eine beruhigende Wirkung auf männliche Häftlinge. Was meinen Sie?
Heigert: Ich glaube, da ist etwas dran. Die Gesellschaft ist auch nicht nach Geschlechtern getrennt. Männer legen in Gegenwart einer Frau mehr Wert auf Pflege, sie reißen sich mehr zusammen. Als ich Vollzugsleiterin in Hirtenberg war, konnten Insassen einmal pro Woche zum Gespräch zu mir kommen. In meiner ersten Woche wussten sie nicht, dass eine Frau vor ihnen sitzen wird. Eine Woche später sagten meine Kollegen: Jetzt stinkt es am Gang nicht mehr, es riecht nach Parfum.

Standard: Was sind Ihre Pläne für die Justizanstalt Wiener Neustadt?
Heigert: Ich will den Insassen mehr Arbeitsmöglichkeiten verschaffen. Wir haben ein Freigängerhaus mit 16 Plätzen für Häftlinge, die tagsüber arbeiten und abends ins Gefängnis heimkehren. Das ist quasi eine Zwischenstation vor der Entlassung. Wer entlassen wird und keine Arbeit hat, hat es sehr, sehr schwer. Ich will auch mehr Arbeitsplätze für die Insassen schaffen. Wir haben eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Kfz-Werkstätte. Es tut sich da bereits einiges.

Standard: Sind Langzeitbesucherräume – auch als "Kuschelzelle" bekannt – geplant?
Heigert: Noch gibt es keine. Aber ich möchte gern welche schaffen. In der Justizanstalt Wels hatten wir so einen Raum. Das erste Mal wurde er genützt, als ein Insasse Besuch von seiner Schwester und ihren Kindern bekam. Es ist einfach schön, wenn man drei, vier Stunden mit der Familie in wohnlicher Atmosphäre verbringen kann. Das geht in den normalen Besuchsräumen nicht – und bringt sicher ein paar Scheidungen weniger.

Standard: In den vergangenen Jahren waren überfüllte Gefängnisse oft ein Problem. Wie ist das jetzt?
Heigert: Wir haben 211 Plätze. Derzeit sind 200 Insassen da. Die Gesetzesänderungen seit 1. Jänner haben gegriffen. Die Frage ist, ob die Wirkung von Dauer ist. Das wird sich erst zeigen. (Gudrun Springer/ DER STANDARD Printausgabe 9.10.2008)

Zur Person: Teresa Heigert, geb. 1960 in Polen, leitet seit 8. September 2008 die Justizanstalt Wr. Neustadt, sie ist in Niederösterreich die dritte Frau in dieser Position. Die Mutter eines Sohnes wurde 1990 in Schwarzau Justizwachebeamtin, arbeitete seither in Wels, Karlau, Hirtenberg

 

  • Teresa Heigert sagt, ihr Weg zur Gefängnisleiterin in Österreich sei "steinig" gewesen
    foto: standard/robert newald

    Teresa Heigert sagt, ihr Weg zur Gefängnisleiterin in Österreich sei "steinig" gewesen

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