Schreiben im Sog des Drupad

8. Oktober 2008, 19:26
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Schriftsteller Josef Winkler im Interview aus Anlass der Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises 2007


Am Donnerstag erhält Winkler den Großen Österreichischen Staatspreis 2007. In Kürze den Georg-Büchner-Preis. Mit Cornelia Niedermeier sprach er über das Schreiben als Versuch.

 


Standard: Viele der Geschichten in Ihrem eben erschienenen Buch Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot handeln vom Reisen. Reisen durch Mexiko, durch Indien - und durch Bücher, die vom Reisen handeln, etwa von Annemarie Schwarzenbach, von Peter Handke.

Winkler: Es gibt einen Satz von Friedrich Nietzsche: "Man schreibt auch mit den Füßen". Es ist ein Motiv des neuen Büchleins, das Zitat von Henri Michaux "Reisen, um heimatlos zu werden". Damit einen die Gegend, in der man aufgewachsen ist, nicht ganz erdrückt und vereinnahmt. Und deswegen ist diese Flucht nach außen und dieses Anschauen von ganz anderen Dingen, dieses Reisen gerade in Länder, wo die Bilder auf der Straße liegen, sehr wichtig. Bei den Büchern, die ich auf die Reisen mitnehme, geht es weniger um Lesestoff, um so manche Langeweile zu vertreiben und Freude am Lesen alleine. Es müssen immer Bücher sein, die mich auch inspirieren. Zum Schauen. Zum Schreiben. Bei Handkes Gestern Unterwegs dieses genaue Beobachten, schnelle Aufschreiben, kurze Formulieren.


Standard: Lesen aus der Perspektive des Schreibenden. Für das Notizbuch.

Winkler: Wenn ich zum Beispiel einen großen dicken Roman dabei hätte aus einer anderen Zeit, einer ganz anderen Welt, wie Die Brüder Karamasov, hätte ich irgendwie Angst, dass mich das beim Dortsein, beim Dortschauen und Aufschreiben nicht inspiriert. Und es muss ja so sein, dass jeden Tag oder fast jeden Tag etwas im Notizbuch steht. Sonst macht mir das Reisen ja eigentlich keine Freude. Sonst deprimieren mich Reisen. Es sind so ungeheuerlich viele Bilder, die ich wahrnehme, die ich sehe. Ich muss die Einzelheiten, die Kleinigkeiten direkt ins Notizbuch schreiben, so genau wie möglich und in so langen Sätzen wie möglich. Keine Stichworte. Weil Stichwort, das heißt ja stechen. Ich weiß nicht, was da erstochen wird.


Standard: Sie zeichnen Ihre Beobachtungen direkt auf, nicht später, am Abend?

Winkler: Ich halte das Notizbuch und die Füllfeder in der Hand, wenn ich durch die Stadt gehe. Ich halte sie in der Hand. Wie man einen Schirm in der Hand hält. Im Mai war ich in Madrid. Dort habe ich an zwei Abenden Stierkämpfe besucht. Zwölf Stierkämpfe habe ich gesehen, zwölf Stiere, die auf diese Weise getötet worden sind. Und dort saß vor mir ein gehörloser junger Mann, der war offenbar Fotograf. Er hat einen speziellen Fotoapparat gehabt mit einem langen Teleobjektiv. Und da ist ein Stier getötet worden. Als der Stier hinausgeschliffen worden ist und bis ein neuer Stier hereinkam, hat er seine Freundin angerufen am Handy. Er hat ein Spezialhandy gehabt, wo man sie am Bildschirm gesehen hat. Und er hat ihr, weil sie ihn ja auch irgendwo am Bildschirm gesehen hat, gestikuliert und so erzählt, wie der Stier umgebracht worden ist. Und sie hat geantwortet. Und mit diesem Motiv werde ich arbeiten.


Standard: Das Spiel mit den Motiven, das Experiment, der Bilderwirbel im Sprachfluss verblüffen im neuen Buch. Eine Geschichte, "O, Herr Jesu Christ, schlag nur zu!" etwa besteht nur aus einem vier Seiten langen Satz.

Winkler: Ich habe damals besonders den Klang und den Ton der indischen Drupad-Musik im Ohr gehabt. Und ich habe mich gefragt: Wie schreibt man Drupad? Es ist ja bei dieser klassischen Urform der indischen Musik aus dem 15. Jahrhundert so: Wenn ein Stück eine Viertelstunde dauert, dann sind das nur wenige Sätze aus dem Sanskrit und die werden dann in unzähligen Variationen angedeutet, gesungen. Manchmal nur Wortfetzen, manchmal glaubt man, ist es nur die Stimme, aber wenn man hinhören oder fein hinhören kann, ist es dann doch immer wieder etwas anderes oder wieder in einem anderen Zusammenhang. Und wenn dasselbe noch einmal kommt, dann geht es auch wieder mit dem Motiv von früher im Kreis; und während es im Kreis geht, taucht wieder ein Bild auf, das vorher noch nicht da war, wird aber wiederum mit einem anderen verbunden, damit die ganze Geschichte gehalten werden kann, das ist wie ein Prosateppich, ein lyrischer Prosateppich. Der Teppich hat auch seine Struktur, seine Eingrenzung - und dann kommen Motive, die kehren immer wieder in den Farben.

Ich habe mir gedacht, ich habe ein paar Motive, ich habe ein paar Zitate - und ich möchte eigentlich, was den Klang betrifft, Drupad schreiben. Über drei oder vier Seiten in einem Atemzug eine Geschichte.

Standard: Von den Bildern zu den Klängen?

Winkler: Die Bilder werden mit Klängen versetzt oder ausgestattet. Ich merke immer deutlicher, dass sich Form, Stil, Rhythmus und vor allem Klang zu meinen Haupt-Motiven entwickeln und verschiedene reale Motive, Erlebnisse, Geschichten oder Dinge, die man beobachtet oder aufsammelt, hinter einem Milchglas ein bisschen im Hintergrund wirken. Das ist es, was mich interessiert. Dieser Neo- oder Austro-Realismus interessiert mich eigentlich überhaupt nicht. Das ist für mich das Material, um erst etwas daraus zu machen.


Standard: Die Wiederkehr einzelner Motive in Ihrem Werk, etwa der Kälberstrick oder das kreuzförmige Dorf Ihrer Jugend in immer neuen Variationen, in immer neuem Ton, erinnert stark an Musik.

Winkler: Die Wiederkehr solcher Motive zehn, zwanzig Jahre nach Das Wilde Kärnten, in einer anderen Stilform sind eine Wiederholung nicht im Sinne von Repetition, sondern von wieder holen. Noch einmal dort hin gehen. Und sich beim Schreiben nicht einkerkern lassen von dem, was man vor zwei Jahrzehnten geschrieben hat. Schon gar nicht nachschauen, damit es keine Widersprüche gibt nach zwanzig Jahren. Die Widersprüche sind willkommen.


Standard: Die Kritik, das wurde auch an den Reaktionen auf den Büchner-Preis sichtbar, ordnet Sie dennoch oft den Heimat-Autoren zu. Als ginge es um Kärnten. Nicht um Sätze.

Winkler: Bei Peter Handke gibt es in Gestern Unterwegs den Satz: Man kann nicht schreiben können". Das ist für mich wichtig. So ein Satz. Wenn ich beginne mit einem Motiv, muss ich damit irgend etwas tun. Und irgendwie spiele ich mit dem herum und schaue, was passiert. Was passiert mir, was passiert der Füllfeder, was passiert dem Satz? Und dann entsteht irgendein Gebilde und ich denke mir, aha, das könnte interessant sein, mit dem könnte ich weiterarbeiten. Ich arbeite mit diesen Kleinigkeiten und kleinen Sachen, und wenn sie so ineinander verflochten übereinandergestapelt werden, auf einmal ist ein Muster da und wenn ein Muster da ist, legt man zu diesem Muster ein zweites dazu. Und ein drittes und ein viertes. Und auf einmal ist es ein Bild und auf einmal tauchen Figuren auf, die Gesichter werden deutlicher und die Geschichte steht.


Standard: "Man kann nicht schreiben können" - also ein Suchen, ein Versuchen, nicht eine Fertigkeit, eine Sicherheit?

Winkler: Bei Jean Genet und Hans Henny Jahnn, die für mich sehr wichtig waren, habe ich das rücksichtslose Schreiben gelernt. Über Dinge zu schreiben, die einem selber sogar unangenehm sind. Den Mut zu entwickeln, einfach zu versuchen, beim Schreiben darauf zu kommen: Was bewegt mich, was interessiert mich. Und auch wenn es etwas ist, was einem unangenehm ist, was man vor sich selber gar nicht eingestehen möchte. Gerade das auszuwälzen. Damit ich nicht blockiert werde oder vor mir Mauern aufstelle. Weil die muss man erst wieder wegräumen. Und weiß nicht, wie dick sie sind. Man weiß nicht, ob sie aus Pappmaché sind oder aus Edelstahl. Man weiß es nicht.

Auch wenn ich gewusst habe, wenn das jemand liest, der wird sagen: Das ist schon ziemlich grauslich. Dann sage ich: Ja, so ist das im Leben. Es gibt viele grausliche Dinge, die mir selber keinen Spaß machen. Aber die Kunst und die Literatur darf sich erlauben und muss sich erlauben, das versuchen zu sagen oder im Sinne von Handkes "Man kann nicht schreiben können", versuchen, das irgendwie darzustellen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10.2008)

  • "Form, Stil und Rhythmus entwickeln sich immer mehr zu meinen Haupt-Motiven. Dieser Neo- oder Austro-Realismus interessiert mich eigentlich überhaupt nicht": Josef Winkler. 
 
Zur Person:Geboren 1953 im Dorf Kamering in Kärnten, wurde Josef Winkler bekannt mit der Romantrilogie Das Wilde Kärnten, bestehend aus Menschenkind, Der Ackermann aus Kärnten und Muttersprache (1979-1982). Es folgten u. a. Domra - am Ufer des Ganges (1996), Natura Morta (2001), Wenn es soweit ist (1998), Roppongi (2007).
    foto: marko lipus

    "Form, Stil und Rhythmus entwickeln sich immer mehr zu meinen Haupt-Motiven. Dieser Neo- oder Austro-Realismus interessiert mich eigentlich überhaupt nicht": Josef Winkler.

     

    Zur Person:
    Geboren 1953 im Dorf Kamering in Kärnten, wurde Josef Winkler bekannt mit der Romantrilogie Das Wilde Kärnten, bestehend aus Menschenkind, Der Ackermann aus Kärnten und Muttersprache (1979-1982). Es folgten u. a. Domra - am Ufer des Ganges (1996), Natura Morta (2001), Wenn es soweit ist (1998), Roppongi (2007).

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