Yen-Höhenflug für Exportwirtschaft zusätzliche Last
Tokio/Moskau - Während die Hightech-Nation Japan in den vergangenen zwei Tagen drei Nobelpreisträger in Physik und einen in Chemie feiern konnte, hat die Börse die Japaner gestern mit dem schlimmsten Börsencrash seit 1987 schockiert. Nach einem Fall der US-Aktien sackte der Index Nikkei 225 um 9,4 Prozent auf 9203,32 Zähler ab.
Nicht einmal Japans Vorzeigeunternehmen Toyota bleibt verschont. Der Betriebsgewinn werde im bis Ende März 2009 laufenden Bilanzjahr wegen der Vollbremsung der Automärkte in den USA und China und Wechselkursverlusten um 40 Prozent abstürzen und damit die Gewinnvorhersage um 19 Prozent verfehlen, hieß es. Toyotas Aktie büßte 11,5 Prozent ein. Entgeistert titelte die Tageszeitung Mainichi in ihrer Abendausgabe: "Der Fall hört nicht auf." Auch Japans neuer Ministerpräsident Taro Aso reagierte gestern bei der Verabschiedung eines ersten Konjunkturprogramms im Unterhaus verblüfft: Der Kurssturz sei "nicht normal".
Rasante Abwärtsspirale
Die Nation kann nach sechs Jahren Aufschwung den jähen Absturz noch immer nicht fassen. Denn bisher schien die Finanz- und Wirtschaftskrise Japan nur glimpflich zu treffen. Japans gesunde Finanzgruppen kauften sich sogar in kranke US-Banken ein und schienen die Krisengewinner zu werden. Die Autobauer vergrößerten ihre Marktanteile in den USA weiter auf Kosten der amerikanischen Rivalen. Und die Auguren prophezeiten noch bis zur Pleite der US-Bank Lehman Brothers um ein Prozent Wachstum. Doch inzwischen befindet sich auch Japan in einer rasanten Abwärtsspirale.
Auslöser sind nicht nur die Konjunkturflaute in den USA und der globale Kursrutsch, sondern auch der Höhenflug des Yen. Besonders sorgt die Firmen, dass der Euro seit seinem Höchststand von fast 170 Yen Ende Juli um 20 Prozent auf unter 137 Yen abgerutscht ist. Denn bei einem weicheren Yen schrumpfen die in der Eurozone erzielten Erlöse. Nachdem der Euro Japans Firmen in den vergangenen Jahren satte Wechselkursgewinne beschert hat, drohen nun plötzlich nicht mehr nur aus den USA, sondern auch aus Europa herbe Devisenverluste.
Die extremen Kapriolen der Finanzmärkte lassen die Realwirtschaft damit stärker leiden als ohnehin schon. Das vor der Pleite von Lehman Brothers erhobene vierteljährliche Konjunkturbarometer der japanischen Notenbank fiel vorige Woche für die Großindustrie überraschend tief ins Minus. Die Stimmung des Kleingewerbes sank nach dem Regierungsbericht "Economic Watcher" sogar auf ein Sieben-Jahres-Tief.
Vor acht Jahren durchlitt Japan seine letzte Krise. Folgerichtig ist die Zahl der Pleiten im September mit 34 Prozent gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres emporgeschnellt, so stark wie seit Beginn der letzten Krise nicht mehr. Japans Volkswirte senken daher ihre Konjunkturprognosen in Richtung null Prozent.
Wie lange der Fall von Japans Aktien noch weitergehen wird, hängt vom morgigen Finanzministertreffen der führenden sieben Industrienationen ab, glaubt Shinichi Ichikawa, Anlagestratege der Credit Suisse in Tokio. "Japans Aktien könnten in die Höhe schnellen, wenn in den USA oder Europa öffentliche Gelder in die Banken gesteckt werden würden oder es ein Abkommen über wachstums- fördernde Maßnahmen gibt."
Russland sperrt Börse zu
Die Börse in Moskau ist am Mittwoch erneut eingebrochen. Um noch stärkere Verluste zu vermeiden, ordnete die Wertpapierbehörde 30 Minuten nach Handelsstart an, die Geschäfte bis Freitag auszusetzen.
Russlands Präsident Dmitri Medwedew hat eine Konferenz zur Reform des Weltfinanzsystems gefordert und die Schaffung neuer Institutionen verlangt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Welthandelsorganisation WTO hätten sich in den Krisen der 90erJahre "ernsthaft diskreditiert" , sagte Medwedew. Dann habe die Dollarschwäche "eine ganze Kette Probleme" geschaffen. "Jetzt sind wir Zeugen der Fragmentierung des internationalen Finanzsystems." (mako, red/DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2008)