Den Medizin-Unis rennt der Nachwuchs davon

8. Oktober 2008, 18:09
28 Postings

Rissen sich früher dutzende Bewerber um eine Facharztstelle, melden sich heute oft nur ein, zwei Kandidaten - Schlechte Bezahlung und triste Arbeitsbedingungen vertreiben die Jungwissenschafter

Wien - "Ich habe mich noch mit zwanzig anderen um eine Stelle beworben. Bis zum Jahr 2000 hatten wir zehn bis 15 Bewerber pro freier Stelle. Heute melden sich vielleicht ein, zwei Bewerber - oder wir müssen überhaupt zwei- bis dreimal ausschreiben." - Was der Vorsitzende des Betriebsrats an der Med-Uni Innsbruck, Martin Tiefenthaler, dem Standard schildert, gilt für alle drei Medizin-Unis in Österreich: Ein massiver Bewerberschwund für Ausbildungs- und Facharztstellen trocknet die Kaderschmieden für den medizinischen Nachwuchs in einem Ausmaß aus, das die Experten alarmiert.

Auch Tiefenthalers Kollege von der Med-Uni Wien, Thomas Szekeres, berichtet von dramatischen Einbrüchen bei den Bewerbern für hochqualifizierte Stellen. Wo sich früher dutzende, in einzelnen Fächern sogar hunderte Bewerber um eine Stelle rissen, komme es jetzt vor, dass nur ein einziger Bewerber zur "Auswahl" stehe.

"Wenn man einmal eine Zäsur hat, und es bewerben sich nicht mehr die Allerbesten, fährt man das Niveau auf Jahre hinunter", und das sei für den Wissenschaftsstandort Österreich, aber auch für die medizinische Versorgung einer alternden Gesellschaft dramatisch, warnt Szekeres. Tiefenthaler sagt: "Wenn wir nicht schleunigst eine vernünftige Zahl an Fachärzten ausbilden, haben wir Lücken." Fächer, in denen der Bewerberschwund besonders auffällig ist, sind Strahlentherapie, Radiologie, Nuklearmedizin und Pathologie, weitere Problemfächer sind Zahnheilkunde, Urologie, Anästhesie.

Wo sind die potenziellen Kandidaten für die Med-Uni-Stellen? Viele flüchten nach Deutschland, das aufgrund seines Ärztemangels beste Chancen bietet, auch England oder Skandinavien sind begehrt. Manchmal kann es auch der Dienstgeber nebenan sein, erzählt der Betriebsratschef der Med-Uni Graz, Gerhard Schuhmann: "Wer immer die Möglichkeit hat, ergreift die Gelegenheit und geht auf eine Landesstelle." In Graz arbeiteten viele Mediziner lieber in einer Landesklinik, anstatt "zu den erschwerten Bedingungen an der Medizin-Uni", wo Forschung, Lehre, Patientenbetreuung und Verwaltung unter einen Hut zu bringen seien.

Kollektivvertrag, bitte warten

Dazu kommt, "dass sehr viele Leute abgeworben wurden". Was nicht sonderlich schwer ist - die Rahmenbedingungen, unter denen hiesige Uni-Angestellte arbeiten (im Medizin-Bereich potenzieren sich die Probleme durch die Patientenversorgung), sind so, dass große Absetzbewegungen kaum verwundern, warnen die Betriebsräte.

Die Situation hat sich durch die Ausgliederung der Unis mit dem Unigesetz 2002 deutlich verschlechtert, auch und vor allem, weil bis heute kein Kollektivvertrag (KV) für die Unis in Kraft ist.

Ein Beispiel: Ein 46-jähriger habilitierter Mediziner verdient nach altem Dienstrecht als Beamter 70.000 Euro im Jahr, wäre er nach dem UG eingestellt worden (angelehnt an das Vertragsbedienstetenrecht), bekäme er 57.000 Euro. In Norwegen lassen sich für Uni-Ärzte 80.000 Euro im Jahr verdienen, erzählt Martin Tiefenthaler.

Der KV müsse dringend aktiviert und die völlige Absenz von Karriereperspektiven behoben werden. Der KV (Einstiegsgehalt für Assistenten 2255 Euro) liegt zwar seit Jahresbeginn fix ausverhandelt in Schubladen, nur die Finanzierung durch den Bund ist bis heute nicht geregelt. Aufzutreiben sind 70 Millionen Euro pro Jahr. Die alte Regierung war dazu nicht in der Lage.

Immerhin, in der 19-Stunden-Parlamentssitzung am 24. September wurde von SPÖ, Grünen und FPÖ nicht nur die Studiengebühr abgeschafft, sondern auch ein Entschließungsantrag beschlossen, der die Finanzierung des KV zusichert. Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) "ersuchte" am Mittwoch die Rektoren, den KV im Vertrauen auf diesen Antrag zu unterzeichnen - samt Opting-out-Klausel, einem Ausstiegsangebot, falls die nächste Regierung doch nicht die Entschlusskraft der Parlamentarier haben sollte.

"Wenns intellektuell zugeht, müssten sich die Rektoren jetzt darauf einlassen", meinte GÖD-Vizechef Peter Korecky. Rudolf Ardelt, der als Rektor der Uni Linz den KV mitverhandelte, reagierte zurückhaltend. Am Montag werde die Universitätenkonferenz diese Frage behandeln, unterschriftsreif sei der KV auf Basis einer "Aufforderung an eine Regierung, die wir nicht kennen", nicht.

Schuhmann macht Druck: "Man müsste jetzt anfangen, die künftigen Leistungsträger auf Schiene zu setzen, aber denen wird signalisiert: Keine Zukunft an der Uni." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD Printausgabe, 9. Oktober 2008)

  • Anästhesist Christian Sitzwohl unterrichtet zwei angehende
Medizinerinnen am AKH Wien. Als Arbeitsort werden die Med-Unis für
Jungärzte immer unattraktiver: Schlechte Bezahlung, kaum
Karrierechancen.
    foto: standard/fischer

    Anästhesist Christian Sitzwohl unterrichtet zwei angehende Medizinerinnen am AKH Wien. Als Arbeitsort werden die Med-Unis für Jungärzte immer unattraktiver: Schlechte Bezahlung, kaum Karrierechancen.

Share if you care.