
Anästhesist Christian Sitzwohl unterrichtet zwei angehende Medizinerinnen am AKH Wien. Als Arbeitsort werden die Med-Unis für Jungärzte immer unattraktiver: Schlechte Bezahlung, kaum Karrierechancen.
Wien - "Ich habe mich noch mit zwanzig anderen um eine Stelle beworben. Bis zum Jahr 2000 hatten wir zehn bis 15 Bewerber pro freier Stelle. Heute melden sich vielleicht ein, zwei Bewerber - oder wir müssen überhaupt zwei- bis dreimal ausschreiben." - Was der Vorsitzende des Betriebsrats an der Med-Uni Innsbruck, Martin Tiefenthaler, dem Standard schildert, gilt für alle drei Medizin-Unis in Österreich: Ein massiver Bewerberschwund für Ausbildungs- und Facharztstellen trocknet die Kaderschmieden für den medizinischen Nachwuchs in einem Ausmaß aus, das die Experten alarmiert.
Auch Tiefenthalers Kollege von der Med-Uni Wien, Thomas Szekeres, berichtet von dramatischen Einbrüchen bei den Bewerbern für hochqualifizierte Stellen. Wo sich früher dutzende, in einzelnen Fächern sogar hunderte Bewerber um eine Stelle rissen, komme es jetzt vor, dass nur ein einziger Bewerber zur "Auswahl" stehe.
"Wenn man einmal eine Zäsur hat, und es bewerben sich nicht mehr die Allerbesten, fährt man das Niveau auf Jahre hinunter", und das sei für den Wissenschaftsstandort Österreich, aber auch für die medizinische Versorgung einer alternden Gesellschaft dramatisch, warnt Szekeres. Tiefenthaler sagt: "Wenn wir nicht schleunigst eine vernünftige Zahl an Fachärzten ausbilden, haben wir Lücken." Fächer, in denen der Bewerberschwund besonders auffällig ist, sind Strahlentherapie, Radiologie, Nuklearmedizin und Pathologie, weitere Problemfächer sind Zahnheilkunde, Urologie, Anästhesie.
Wo sind die potenziellen Kandidaten für die Med-Uni-Stellen? Viele flüchten nach Deutschland, das aufgrund seines Ärztemangels beste Chancen bietet, auch England oder Skandinavien sind begehrt. Manchmal kann es auch der Dienstgeber nebenan sein, erzählt der Betriebsratschef der Med-Uni Graz, Gerhard Schuhmann: "Wer immer die Möglichkeit hat, ergreift die Gelegenheit und geht auf eine Landesstelle." In Graz arbeiteten viele Mediziner lieber in einer Landesklinik, anstatt "zu den erschwerten Bedingungen an der Medizin-Uni", wo Forschung, Lehre, Patientenbetreuung und Verwaltung unter einen Hut zu bringen seien.
Kollektivvertrag, bitte warten
Dazu kommt, "dass sehr viele Leute abgeworben wurden". Was nicht sonderlich schwer ist - die Rahmenbedingungen, unter denen hiesige Uni-Angestellte arbeiten (im Medizin-Bereich potenzieren sich die Probleme durch die Patientenversorgung), sind so, dass große Absetzbewegungen kaum verwundern, warnen die Betriebsräte.
Die Situation hat sich durch die Ausgliederung der Unis mit dem Unigesetz 2002 deutlich verschlechtert, auch und vor allem, weil bis heute kein Kollektivvertrag (KV) für die Unis in Kraft ist.
Ein Beispiel: Ein 46-jähriger habilitierter Mediziner verdient nach altem Dienstrecht als Beamter 70.000 Euro im Jahr, wäre er nach dem UG eingestellt worden (angelehnt an das Vertragsbedienstetenrecht), bekäme er 57.000 Euro. In Norwegen lassen sich für Uni-Ärzte 80.000 Euro im Jahr verdienen, erzählt Martin Tiefenthaler.
Der KV müsse dringend aktiviert und die völlige Absenz von Karriereperspektiven behoben werden. Der KV (Einstiegsgehalt für Assistenten 2255 Euro) liegt zwar seit Jahresbeginn fix ausverhandelt in Schubladen, nur die Finanzierung durch den Bund ist bis heute nicht geregelt. Aufzutreiben sind 70 Millionen Euro pro Jahr. Die alte Regierung war dazu nicht in der Lage.
Immerhin, in der 19-Stunden-Parlamentssitzung am 24. September wurde von SPÖ, Grünen und FPÖ nicht nur die Studiengebühr abgeschafft, sondern auch ein Entschließungsantrag beschlossen, der die Finanzierung des KV zusichert. Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) "ersuchte" am Mittwoch die Rektoren, den KV im Vertrauen auf diesen Antrag zu unterzeichnen - samt Opting-out-Klausel, einem Ausstiegsangebot, falls die nächste Regierung doch nicht die Entschlusskraft der Parlamentarier haben sollte.
"Wenns intellektuell zugeht, müssten sich die Rektoren jetzt darauf einlassen", meinte GÖD-Vizechef Peter Korecky. Rudolf Ardelt, der als Rektor der Uni Linz den KV mitverhandelte, reagierte zurückhaltend. Am Montag werde die Universitätenkonferenz diese Frage behandeln, unterschriftsreif sei der KV auf Basis einer "Aufforderung an eine Regierung, die wir nicht kennen", nicht.
Schuhmann macht Druck: "Man müsste jetzt anfangen, die künftigen Leistungsträger auf Schiene zu setzen, aber denen wird signalisiert: Keine Zukunft an der Uni." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD Printausgabe, 9. Oktober 2008)
und dass sie dir an uni kliniken oft nicht viel beibringen?
bei dem desaströsen zustand mancher institute verwundert es kaum, dass sich keiner mehr mit befristetem dienstvertrag ein bekanntes mobbingnest antut. da stehst dann ohne ausbildung auf der strasse, und der betriebsrat rührt keinen finger.
da können sich manche beriebsräte selbst bei der nase nehmen, die auch deshalb entsandt wurden, damit man sie nicht aus ihrer dienststelle rausmobbt. eigennutz pur - in allen(!) ebenen der uni hierarchie. wird ja keiner annehmen, dass abzockende ordinarien nicht die möglichkeit hätten sich genehme mittelbauvertreter zu kaufen? negativselektion eben.
da kannst bakschisch reinbuttern so viel du willst, das löst das problem nicht lieber martin t.
....fehlende Bereitschaft für die Grundlagenforschung. Man kapriziert sich auf schneller rentierliche Anwendungsforschung. Doch das ist viel zu kurz gedacht. Es fehlt in Österreich sowas wie eine Forschungslandschaft. Ergebnis siehe auch das Uni-Ranking. Die Masse der Östereicher bevorzugt nur Seinesgleichen (!).
Den Deutschen ist es gelungen durch ihre unabhängigen Forschungsgesellschaften, die mit den Unis eng zusammenarbeiten und dem zielführenden Vergabesystem für Forschungsggelder durch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) den Trend umzukehren. Es ist eindeuig ein brain gain festzustellen. Es gelingt immer mehr, auch durch die Excellenzstrategie, hochrangige Forscher, darunter auch viele Ausländer, nach Deutschland zu holen.
Die besten (Deutschen) gehen nach UK, in die Schweiz oder in die USA - und aus Drittweltländern gehen die "Forscher" nach Deutschland, wenn sie sonst nichts bekommen.
Genauso wie nach Österreich.
Zum Wiehern, diese Selbstgefälligkeit ! An (ost)deutschen Unikliniken und Unis können Professuren schon nicht mehr besetzt werden und dann behauptet man, es gäbe einen "brain gain".......Hahaha !
..sollten Sie meinen Text genauer lesen. Ich sprach nicht von Postdocs u.ä. am Anfang deren Karrieren, sondern von fertigen Leuten. Allein die LMU München hat im letzten Jahr vier Stellen mit Spitzenforschern besetzt, weil die LMU dank den Geldern aus der Excellenz-Strategie sich leisten kann, diesen Spitzenkräften eigene Institute einzurichten. Dass Jungforscher einen brain drain verursachen, habe ich nie bestritten. Ich habe übrigens meine Aussage mit Fakten begründet - Sie replizieren dagegen im Biertischjargon mit nicht substanziellen Sprüchen. Und zum Thema Forschunglslandschaft bringen Sie überhaupt nichts. Für solche wie Sie, hatte Goethe als Antwort: Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Wahrheit und Klarheit fehlt.
Es geht darum, dass die jungen Anfänger nur Karriere machen können, wenn sie tief im Mastdarm des Klinikchefs stecken und dort Überstunden machen.
So schlimm war es zuletzt in den 1950er Jahren, als man selbstverständlich 7 Tage die Woche anwesend zu sein hatte und kündigen musste, wenn man heiratete.
Wer heute an der MedUni arbeiten will, muss oft doppelt soviel arbeiten wie normal, weil er in klinischen Studien das Geld für die Drittmittel, die ihn bezahlen, erst einmal verdienen muss, und daneben natürlich voll Routinearbeit läuft !!
Eigenständige wissenschaftliche Arbeit geht nur nachts und am Wochenende.
Früher nannte man sowas Sklaverei...
wenn du es "richtig" machst, kannst du auch erreichen das dir dein chef das geld, personal, räume.. deiner kollegen zuspielt und sie dich auch noch auf alle ihre publikationen schreiben müssen weil sie sonst gemobbt werden.
so hatte ja die frau vom chauchescu (wie schreibt man den ex-diktator in rumänien eigentlich?) bekanntermassen einen ghostwriter der sogar ihre doktorarbeit schreiben musste. nach dem sturz wollte der die authorschaften zurück. weis aber nicht was aus dem geworden ist (einbetoniert?). letzteres kann dir auch im uni-feudalsystem passieren, wenn du nicht "brav" bist. da nutzt es auch nix, wenn du am wochenende buckelst. (wie heisst das so schön: die gescheiten leben von den dummen und die dummen von ihrer arbeit ;-)
Im Gegensatz (?wirklich?) zu vielen anderen Einrichtungen heirzulande gilt an den Universitäten - kann persönlich von 3 aus erster Hand berichten - noch immer das Gottesgnadentum in der Personalpolitik. Wer einmal die Gnade erhielt an der Uni (v.a. MedUni) arbeiten zu dürfen soll dies gefälligst dankbar machen und nicht wg profanen Dingen wie Geld, Arbeitszeit oder Qualitätssicherung aufbegehren! Und anstatt sich über Mangel an Ausbildung zu ereifern soll gefälligst Spitzen-Forschung/Medizin berichtet werden (dass es hier nicht alle so ernst mit der Wahrheit, bzw Unterschieden zw Sein un Schein nehmen ist ja bis dato suffizient dokumentiert)
hört sich das für mich nach einem hausgemachten Problem an, dass man schon längst bekämpfen hätte können.
Will man wirklich erwarten, dass Leute schlecht bezahlte Jobs machen, die nebenbei auch noch stressiger sind als besser bezahlte?
In welcher Traumwelt leben denn diese Leute? Sollten vielleicht einmal ein paar BWLer im ersten Semester nach Rat fragen, ich glaube die hätten da noch ein paar Tips auf Lager(der Weg ist ja nicht weit)...
doch die Grundlage des Dienstrechtes 2001. Zugeschnitten auf Personal, das keine Alternativen hat und daher mit allem zurecht kommen muss. Wie Prof. Witzmann in der Presse immer schreibt: Das UOG02 ist ein wegweisendes Gesetz. Wie sich zeigt, weist es dem Nachwuchs den Weg weg von den Unis.
dass es fuer das Fach Urologie in Innsbruck derzeit keine Bewerber gibt, kann Herrn Tiefenthaler nach den publik gewordenen Vorgaengen ja nicht wundern.
Wie es an manchen Kliniken zuging, wussten (angehende) Mediziner halt schon lange vor dem Rest der Bevoelkerung. Vielen Abteilungen eilt ihr Ruf eben voraus.
Die Situation wird sich erst bessern, wenn Vorstaende nicht mehr gottgleiche Wesen sind, die selbst Habilitierte noch wie Rotzbuben -und Maedchen behandeln.
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