"Der Hass auf Thaksin eint sie"

8. Oktober 2008, 18:07
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Der Historiker und Politologe Chris Baker, der zahlreiche Bücher über Politik in Thailand verfasst hat, im STANDARD-Interview

"Wir haben die Lage unter Kontrolle" , versichert Thailands Regierung nach den schweren Ausschreitungen vom Vortag. Der Thaksin-Biograf Chris Baker ist sich da nicht so sicher. Mit ihm sprach Andrea Waldbrunner in Bangkok.

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STANDARD: Sowohl die thailändische Regierung als auch das oppositionelle Bündnis "Volksallianz für Demokratie" behaupten, im Namen der Demokratie zu handeln. Um welche Idee von Demokratie geht es hier?

Baker: Ich glaube nicht, dass eine der beiden Seiten wirklich ein Konzept von Demokratie artikulieren könnte. Es stellt sich vielmehr so dar, dass sich die amtierende Regierung auf ihre Legitimierung durch Wahlen beruft und die Volksallianz andererseits sagt, nur gebildete Leute wie sie selbst könnten zum Wohl des Volkes entscheiden.

STANDARD: Letzteres klingt aus westlicher Sicht autoritär. Sollen hier nur die Interessen einer intellektuellen und finanziellen Elite gewahrt werden?

Baker: Das ist die westliche Sichtweise, ja, aber das ist zu viel des Guten an Interpretation. In Thailand empfindet man das nicht so. Die Annahme, es sei autoritär, mag insofern stimmen, als die Volksallianz weg will von der Idee "eine Person – eine Stimme" .

STANDARD: Wie würden Sie den seit Monaten andauernden Machtkampf charakterisieren?

Baker: Was wir sehen, ist der Kampf gegen den früheren Premierminister Thaksin Shinawatra und seinen noch immer großen Einfluss in Thailand. Er hat sich keineswegs, wie behauptet, aus der Politik zurückgezogen, er ist weiterhin der bestimmende Faktor. Zudem "investiert" er nach wie vor aktiv in die Politik, weil seine Zukunft davon abhängt (Thaksin flüchtete wegen drohender Korruptionsverfahren nach Großbritannien, Anm.). Ihm gegenüber stehen jene, die unbedingt seinen Einfluss beschneiden wollen, eben die Anhänger der Volksallianz sowie Teile der Armee.

STANDARD: Wie sehen Sie die Rolle des Militärs in diesem Konflikt? Offiziell bezeichnet sich die Armee als "neutral".

Baker: Die spielen ein doppelbödiges Spiel. Sie ließen es zu, dass die Volksallianz mit der Besetzung des Regierungssitzes so weit gehen konnte. Das wäre ohne den Schutz der Armee nicht gegangen. Wo genau aber die Gräben innerhalb der Armee verlaufen, ist unklar. Verschiedene Fraktionen ringen dort um Einfluss. Es gibt auch Pro-Regierungs-Kräfte.

STANDARD: Die Duldung durch die Armee macht es also der Regierung schwer, die Straßenkämpfe unter Kontrolle zu bekommen?

Baker: Ja, die Armee kooperiert schlicht nicht, sondern hält still.

STANDARD: Die Volksallianz fährt eine Eskalationsstrategie, um die Regierung aus dem Amt zu hebeln. Was wird dann sein? Die Allianz deklariert sich nicht.

Baker: Da gibt es kein wirkliches Ziel. Die Anhänger der Allianz eint vor allem eines: Der Hass auf Thaksin und seine Nachfolger in der jetzigen Regierung. Fragt man sie nach konkreten Plänen, kommen sie schnell ins Trudeln. Hinter ihrer angeblichen "neuen Politik" für Thailand steckt nicht viel.

STANDARD: Wie schafft es die Volksallianz, seit Monaten tausende Leute zum Protest auf die Straße zu holen?

Baker: Sie haben den Mythos geschaffen, dass alles geschieht, um den geliebten König Bhumipol und die Monarchie Thailands zu beschützen. Dieser Idee folgen die Leute.

STANDARD: Wie wirkt sich die turbulente Innenpolitik Thailands auf die Region Südostasien aus?

Baker: Konflikte wie diese passieren hier alle 15 Jahre, Thailands Politik war immer schon ein Auf und Ab. Die jetzige Krise wird nur einen kurzfristigen Effekt in der Region haben, etwa beim Tourismus. Mehr Einfluss auf die Wirtschaft in der Region hat langfristig das ungünstige Zusammentreffen dieses blutigen Konflikts mit der internationalen Finanzkrise.

  • Zur Person
 Chris Baker ist Autor mehrerer Bücher über Politik in Thailand (unter
anderem "Thaksin: The Business of Politics in Thailand", "A History of
Thailand" , beide 2005), besonders zur Ära des
umstrittenen ehemaligen
Premiers Thaksin Shinawatra (2001–2006). Der Historiker und Politologe
lebt in Bangkok.
    foto: privat

    Zur Person

    Chris Baker ist Autor mehrerer Bücher über Politik in Thailand (unter anderem "Thaksin: The Business of Politics in Thailand", "A History of Thailand" , beide 2005), besonders zur Ära des umstrittenen ehemaligen Premiers Thaksin Shinawatra (2001–2006). Der Historiker und Politologe lebt in Bangkok.

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