Rokia Traoré: "Tchamantché"

    10. Oktober 2008, 14:44
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    Gegensätze ziehen sich an: Neues aus Mali, einem der musikalisch reichsten Länder Afrikas

    Zwischen Tradition und Moderne liegt kein unüberbrückbarer Graben: Die malische Künstlerin Rokia Traoré hat bereits vor zehn Jahren mit ihrem Debüt-Album "Mouneîssa" gezeigt, was durch den Mix von Alt und Neu entstehen kann: zeitgenössische Musik, wie sie betont. Kulturelle Gegensätze inspirieren sie: Traoré verbindet westafrikanische Instrumente - darunter vor allem die Ngoni, eine Bogenharfe, sowie das Balaba, ein großes Balafon, dem Xylophon ähnlich - in einer komplett neuen Art und Weise mit europäischen Elementen von Pop, Rock oder Folk und schafft somit etwas komplett Neues.

    Dieser "Ikonoklasmus" ist wohl mit ein Grund, dass ihre Musik in Mali nicht immer auf volle Zustimmung stößt: "Zu Beginn konnten die Leute nicht viel damit anfangen. Sie verstanden nicht, dass sie traditionelle Instrumente hörten, aber keine traditionelle Musik. Deshalb hatte ich längere Zeit ein Publikum, das vor allem diesen innovativen Aspekt schätzte. Aber das war eine kleine Gruppe. Erst nach ungefähr einem Jahr begannen sich mehr Leute für meine Lieder zu interessieren und sie zu verstehen", schildert sie ihre "Startschwierigkeiten" in einem Interview.

    Rokia Traorè, Mbifo (Quelle: YouTube)

    Spätestens im Jahr 2003 hat sich der Kreis ihrer Zuhörerschaft auch in Europa und Amerika geformt, als sie den Preis für die "afrikanische Entdeckung des Jahres" von Radio France International gewann. Es folgten weitere Auszeichnungen, wie der renommierte World Music Award der BBC für ihr drittes Album, "Bowmboï" (2003). Auch die Zusammenarbeit mit Musikern wie Toumani Diabaté (er spielt Kora, eine Art Harfe, auf dem zweiten Album "Wanita"), dem berühmten malischen Sänger Boubacar Traoré (ebenfalls "Wanita") oder dem US-Streichensemble Kronos Quartett ("Bowmboï"), hat zu ihrer Popularität beigetragen. Und der malische Blues-Gitarrist Ali Farka Touré war in den 90er Jahren ihr Lehrmeister für die Gitarre. Ihm ist auch das aktuelle Album gewidmet.

    "Tchamantché" heißt diese mutige Platte. Mutig insofern, weil Traoré ihr Erfolgsrezept beiseite gelegt und gegen eine neue, nicht minder spannende Formel eingetauscht hat. "Wenn ich etwas verändere, dann soll das ein radikaler Wechsel sein", sagt die Künstlerin in einem Interview: Und davon kann man sich auf ihrem aktuellen Album bestens überzeugen. Wie auch davon, wie es klingt, wenn sich das Symbol des "Rockabilly", die Gretsch-Gitarre, mit Balafon und Ngoni vermischt. Außerdem sind die vielen "traditionellen Sounds" auf Tchamantché in den Hintergrund gerückt oder wurden durch westliche Instrumente ersetzt. Am offensichtlichsten ist dies durch die Harfe auf Kounandi, einem Lied über Respekt, zu hören: Sie begleitet nun anstatt einer Kora die Sängerin.

    "Amazone aus Bamako"

    Drei markante Kennzeichen ihrer Musik bleiben jedoch auch auf dem aktuellen Album bestehen. Ihre Stimme, die Texte und, damit verbunden, auch das Balafon und die Ngoni. Denn diese ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Alben. Sie liefern das Fundament zu ihren Liedern und passen auch zu ihrem leidenschaftlichen Gesang, der von einem sanften, lyrischen, und rhythmischen Stil geprägt ist. Traoré singt oft flüsternd, dann wieder mit einem Wechselspiel von hohen mit niedrigen Tönen, und manchmal stechen arabische Intonationen aus ihren Liedern heraus.

    In ihrer Muttersprache Bambara, seltener in Französisch, besingt sie ebenso persönliche Themen wie sozialkritische: Nord-Süd-Beziehungen, Kindheit, Respekt, Globalisierung, Armut oder Unterdrückung von Frauen. "Frauen haben viel mehr Freiheiten heutzutage. Mehr, als unsere Mütter hatten. Aber Frauen müssen tapfer sein und um ihre Rechte kämpfen. Dazu braucht es Mut. Meine Lieder handeln von ihnen. Sie ehren solche starken Frauen, " sagt die "Amazone aus Bamako" im Interview.

      Rokia Traorè, Dounia (Quelle: YouTube)

    Das aktuelle Album ist trotz der kämpferischen Töne auffallend ruhig und fast gefasst - mit der Ausnahme von Tounka, in dem sie plötzlich mit erhobener Stimme vor der Migration in Richtung Europa warnt und fordert: "Auf der Salzwasserstraße liegt der Tod", "Frankreich ist eine Quelle des Leids", "Sagt Nein zum Exodus!"

    Im Eröffnungslied Dounia singt sie wiederum vom Wesen der Menschen, das von Ungleichheiten, von einem Für und Wider, einem Auf und Ab geprägt ist. Und sie singt von einer Geschichte Afrikas, die noch nicht geschrieben ist - eine Geschichte, die neben den Stunden der Enttäuschung und des Leids auch von den Stunden des Ruhmes und der Errungenschaften erzählt. Gegensätze, und die Balance dazwischen, das ist offenbar einer der Leitgedanken, die Traoré nicht nur für ihre Musik, sondern auch auf das Menschsein allgemein anwendet. (cra)

    •  Rokia Traoré: "Tchamantché" (Nonesuch, Universal, 2008)
      foto: universal

      Rokia Traoré: "Tchamantché" (Nonesuch, Universal, 2008)

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