"Wir haben jedes Jahr doppelt so viele Anmeldungen wie freie Plätze"

9. Oktober 2008, 13:53
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Dank grenzüberschreitendem Unterricht an einer Wiener Volksschule können Jung und Alt voneinander lernen - Eine derStandard.at-Reportage

Vormittags in der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau, Werken steht auf dem Programm: Kinder stricken Schals, nähen Polster mit der Nähmaschine oder basteln grün-weiße Rapid-Schweißbänder. Das Besondere daran: die Schülerinnen und Schüler sind unterschiedlich alt und in ihrem Lernfortschritt unterschiedlich weit. Jeder arbeitet an seiner Sache - tut das, was er kann und lernt von den größeren Mitschülern.

Schule besteht nur aus Mehrstufenklassen

Im Nachbarraum wird von den Kindern gerade ein Briefkasten aus Holz hergestellt. "Das ist für die Briefe, die zwischen den verschiedenen Klassen hin und her geschickt werden," erzählt der Werklehrer. Darin würden sich die Kinder gegenseitig von ihren Erlebnissen berichten, aber auch zum Beispiel ihrem Lehrer schreiben, dass sie endlich wieder Mathematik haben wollen. "Für diejenigen der Gruppe, die noch nicht schreiben können, ist das natürlich ein Ansporn. Sie möchten auch Briefe bekommen und wenden sich an ihre Mitschüler, die ihnen das dann beibringen", bringt der "Lernbetreuer" - wie hier die LehrerInnen genannt werden - die Besonderheit der Schule auf den Punkt.

Sogenannte "Mehrstufenklassen", in denen Kinder verschiedener Alterstufen zusammenarbeiten, sind einigermaßen außergewöhnlich in der österreichischen Schullandschaft - wienweit gibt es aber schon 80 solcher Klassen. An der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau (ILB), die dieser Tage ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, kommen zwei Dinge hinzu: Einerseits wird die vollständige Schule mit Mehrstufenklassen geführt, andererseits gehen hier auch Kinder mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" zur Schule. Insgesamt werden an dieser Volksschule in zehn "Stammgruppen" 220 Kinder von fünfeinhalb bis elf Jahre betreut.

Zwei Lehrer pro Klasse

"Die Arbeit in diesen heterogenen Gruppen kommt allen entgegen, so kann zum Beispiel ein behindertes Kind, das schon älter ist, auch Vorbild für die Jüngeren sein," erklärt die Betreuungslehrerin Gabi Kampl. Jede Gruppe wird von zwei LehrerInnen betreut, ein Drittel der Schulstunden steht auch noch eine dritte Lehrkraft zur Verfügung. Zusätzlich zum Unterricht am Vormittag gibt es Nachmittagsbetreuung, die von fast allen SchülerInnen genutzt wird, und jeden Dienstag-Nachmittag ein eigenes Kursprogramm. Je nach Vorlieben kann man für ein Semester einen Kurs für Entspannungstechniken, Origami, Musical oder Gesunde Küche belegen.

Wenn es nach den Vorstellungen der Wiener Stadtschulratspräsidentin geht, könnte die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau als Vorbild für ganz Wien dienen. "Ich hoffe, dass wir a la longue in Primar- und Sekundarstufe (Volksschule, Hauptschule, AHS-Unterstufe, Anm.) nur noch Lernwerkstätten haben werden", sagte die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl bei einer Pressekonferenz. Der Erfolg gibt dem Schul-Modell Recht. "Wir haben jedes Jahr doppelt so viele Anmeldungen wie freie Plätze", berichtete Direktor Josef Reichmayr.

Rivalität durch Noten

Derzeit gibt es an Stelle von Ziffernnoten eine "kommentierte direkte Leistungsvorlage" - das bedeutet, dass die Kinder in Ausstellungen und bei Präsentationen ihre Wissen zeigen. Hinzu kommen regelmäßige Gespräche zwischen den Kindern, ihren Eltern und den LernbegleiterInnen. Lediglich in der vierten Klasse wird den SchülerInnen ein Zeugnis mit Noten ausgestellt. "Rivalitäten in der Schule werden oft über Noten ausgetragen", meint Vierlinger. In heterogenen Klassen würde der Konkurrenzdruck entschärft werden. "In dieser Schule haben die Kinder nicht sosehr den Anspruch besser sein zu müssen, wie der andere. Denn schließlich ist das Alter unterschiedlich und jeder will zwar besser werden, muss aber gleichzeitig auch vom anderen lernen", erklärt ein Lernbegleiter.

"Es herrscht Selektionszwang"

Rupert Vierlinger, Professor für Pädagogik an der Universität Linz, betont die Vorteile dieser Unterrichtsformen: "Als Schüler kann man hier auf geistige Wanderschaft gehen und sich von der Neugier anstecken lassen." Ganz anders, als in gewöhnlichen Schultypen: "Es herrscht ein Selektionszwang.  Die Schule ist verseucht von der Idee, heterogene Gruppen zu bilden." Die Aufteilung nach Leistung würde dazu führen, dass schlechtere Schüler untereinander blieben. "Desinteressierter Blick trifft auf desinteressierten Blick. Was kommt dabei heraus: Null Bock!", bringt Vierlinger die Problematik auf den Punkt. (Teresa Eder/derStandard.at, 9.10.2008)

  • Werkstunde in der integrativen Lernwerkstatt Brigittenau.
    foto: derstandard.at/eder

    Werkstunde in der integrativen Lernwerkstatt Brigittenau.

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