Exitstrategie gesucht

7. Oktober 2008, 19:04
48 Postings

Wende im "War on Terror": Krieg ist laut Experten militärisch nicht zu gewinnen - Treffen zwischen Taliban und Regierungsvertretern

Mit den Taliban über eine Machtbeteiligung in Afghanistan verhandeln: Diese Forderung ist sieben Jahre nach 9/11 eine Wende im "War on Terror". Der Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen, sagen Experten.

***

Kabul/Washington/Wien - In den USA wird der Krieg in Afghanistan vermehrt zum Wahlkampfthema - und in Afghanistan selbst ist für die Teilnehmer des "War on Terror" die Zeit des Nachdenkens über eine Exitstrategie angebrochen. Dazu mag auch die internationale Finanzkrise beitragen, die nach Meinung von Analysten die Verteidigungsausgaben von westlichen Ländern in den nächsten Jahren beeinträchtigen wird. Viel Geld, das künftig fehlen wird, geht auch direkt nach Kabul: Sechs Milliarden Dollar Finanzhilfe bekommt Afghanistan jährlich von den USA.

Dort wird immer häufiger die Frage gestellt, ob das Afghanistan-Engagement sieben Jahre nach den Terroranschlägen von 9/11 auch dann noch in diesem Maße aufrecht wäre, wenn Osama Bin Laden gefasst worden wäre. Militärplaner sprechen von einer US-Militärpräsenz für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Deren Sinnhaftigkeit jetzt diskutiert wird.

Auf Äußerungen, dass der Krieg in Afghanistan nicht mehr zu gewinnen sei - zuletzt vom britischen General Mark Carleton Smith -, folgte zu Wochenbeginn die Information, dass zu Ende des Ramadan unter saudi-arabischer Vermittlung in Mekka ein erstes Treffen zwischen Taliban und Vertretern der afghanischen Regierung stattgefunden habe. Zwar werden "Verhandlungen" geleugnet, vor allem von den Taliban, ein erster Kanal ist jedoch nun auch offiziell eröffnet.

Dazu passt die Meldung, dass die Taliban sich vom internationalen Terrornetzwerk al-Kaida distanzieren wollen. Dass die USA in ihrem Antiterrorkrieg nie zwischen Al-Kaida und den Taliban - einer lokalen paschtunischen Bewegung mit einer, wenn auch finsteren, lokalen politischen Agenda - unterschieden haben, wird mittlerweile als großer Fehler erachtet.

Der Strategiewechsel der USA in Afghanistan zeichnet sich seit dem Frühsommer ab. Ende September wurde eine Revision der militärischen und zivilen Strategien, z. B. der Effizienz der Aufbauprogramme, angeordnet. Afghanistan, wo die USA und ihre Alliierten 2001 einen relativ leichten militärischen Sieg über die Taliban erlangten, ist im vergangenen Jahr gefährlich abgerutscht, mit einer Zunahme von militärischen und zivilen Opfern von etwa 30 Prozent. Wobei die Anzahl von afghanischen Zivilisten, die bei US-Operationen getötet werden, besonders dramatisch steigt.

Politische "Aufstockung"

Vom US-Oberkommandierenden David McKiernan kamen Forderungen nach einem "surge", einer Truppenaufstockung (geplant sind nur 8000 Soldaten mehr, McKiernan will 15.000) sowie einer Überarbeitung der Kommandostrukturen von US- und Natotruppen und einer Stärkung der afghanischen Armee. Immer öfter - zuletzt vom UNO-Vertreter in Afghanistan, Kai Eide - wird jedoch ein "politischer surge" für noch nötiger erachtet.

Der Irak lässt grüßen: Auch dort begann man, als es 2006/2007 nicht mehr anders ging, mit den Aufständischen zu verhandeln. Es geht immer darum, den Aufstand so einzudämmen, dass er keine strategische Bedrohung mehr darstellt. Im Fall Afghanistan spielt die befürchtete Destabilisierung des Nachbarlands Pakistan, das die Taliban als Rückzugsgebiet benützen, eine große Rolle. Das ist auch ein starkes Argument für die USA.

Saudi-Arabien, das immer als ideologischer und finanzieller Sponsor der radikalen islamistischen Bewegungen im allgemeinen und der Taliban im speziellen gegolten hat, bietet sich als Vermittler an. Dabei werden historische Erinnerungen wach: Der Aufschwung des radikalen Islam in Afghanistan war ein Produkt der Zusammenarbeit von Saudi-Arabien, dem pakistanischen Geheimdienst und der CIA bei der Bekämpfung der Sowjets in Afghanistan. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2008)

  • Infografik: Afghanistan - Prüfstein für die Nato

    Infografik: Afghanistan - Prüfstein für die Nato

Share if you care.