Neue Umwege und alte Konflikte in Wien-Mitte

7. Oktober 2008, 18:01
70 Postings

Fast zwanzig Jahre lang wurde an den Plänen für den neuen Bahnhof Wien-Mitte herumgedoktert - Jetzt bricht neuerlich eine Diskussion darüber aus

Wien - Seit die alte Bahnhofshalle weg ist, sieht man rund um Wien-Mitte jede Menge Menschen herumirren - die meisten ziehen einen Koffer hinter sich her. Denn die vom Flughafen Schwechat kommenden Züge enden seither quasi im Nirgendwo, beziehungsweise unter einer Riesen-Baustelle, aus der selbst Einheimische nur schwer herausfinden.

"Wer Anregungen hat, wie die größte innerstädtische Baustelle Wiens übersichtlicher wird, kann sich gerne bei uns melden", sagt Thomas Jakoubek, Geschäftsführer des Bauträgers BAI (www.wienmitte.at). Man sei nämlich sehr bemüht, die Behinderungen möglichst gering zu halten. "Die Alternative wäre gewesen, den U-Bahn-Betrieb während der Bauzeit einzustellen, dann wäre das Ganze allerdings noch wesentlich unangenehmer geworden."

Seit gut einem Jahr wird am neuen U- und S-Bahnhof zwischen Heumarkt und Invalidenstraße gebaut. Der Grundsteinlegung ging eine fast zwei Jahrzehnte andauernde Diskussion voraus. Mehrmals mussten die Pläne für das Bahnhofsprojekt nahe dem Stadtzentrum abgeändert werden.

Ursprünglich waren fünf 97 Meter hohe Türme vorgesehen; nachdem die Unesco mit der Aberkennung des Titels "Weltkulturerbe" für die Innere Stadt gedroht hatte, wurde allerdings ein neuer städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben - und das Projekt auf 70 Meter Höhe gestutzt. Jetzt, kurz, bevor der neue Bahnhof reale Formen annimmt, orten die Grünen den "größten städtebaulichen Unfug". "Es wird jetzt augenscheinlich, wie vermurkst das Ganze ist", sagt Planungssprecherin Sabine Gretner.

Neben der spärlichen Beschilderung der Zugänge stört Gretner vor allem der Umstand, dass die alte Landstraßer Markthalle stehenbleibt. "Das Haus schottet das Projekt in Richtung dritter Bezirk völlig ab, es gehört abgerissen." Die Marktstandler, die im braunen Mehrzweckbau fast dreißig Jahre lang Fleisch und Gemüse verkauften, machten dem Bahnhofsprojekt nur widerwillig Platz. "Da das Gebäude bleibt, ist die Absiedelung des Marktes nicht nachvollziehbar", sagt Gretner.

Laut BAI-Chef Jakoubek war ein Abriss des 70er-Jahre-Baus nie vorgesehen. "Und wir haben auch niemanden von dort vertrieben. Es können sich alle wieder um eine Verkaufsfläche bewerben." Davon soll es im schmucken neuen Bahnhof jede Menge geben. 28.000 Quadratmeter sind für Shopping und Gastro vorgesehen. Für die Grünen ein weiterer Grund, eine Überarbeitung des 400-Millionen-Euro-Projekts zu fordern. "Anstatt die Eingangshalle zu entrümpeln, bleiben die Zugänge zugunsten der Einkaufsflächen weiterhin eng", sagt Gretner.

Mehr Platz fordert sie außerdem für ganz oben: Die Grünen wünschen sich eine öffentlich zugängliche Terrasse. "Wie das gehen soll, ist mir schleierhaft", sagt Jakoubek. "Irgendwo muss schließlich die Haustechnik hin. Und da unten die U-Bahn durchfährt, fällt der Keller dafür weg." (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 08.10.2008)

 

  • In drei Jahren soll Wien-Mitte fertig sein. Bis dahin muss man am U-
und S-Bahnhof, an dem täglich 150.000 Menschen ein- und aussteigen, mit
einer Reihe von Behinderungen rechnen.
    foto: fischer

    In drei Jahren soll Wien-Mitte fertig sein. Bis dahin muss man am U- und S-Bahnhof, an dem täglich 150.000 Menschen ein- und aussteigen, mit einer Reihe von Behinderungen rechnen.

Share if you care.