Eine Immunantwort, die Gefäße verengt

7. Oktober 2008, 19:19
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Altersforscher Georg Wick im STANDARD-Interview Über seine Suche nach einem Impfstoff gegen kardiovaskuläre Erkrankungen

STANDARD: Sie erforschen die Ursachen der Gefäßverkalkung und haben dabei eine Lehrmeinung über den Haufen geworfen. Welche?

Wick: Es galt lange Zeit als Dogma, dass sogenannte Fettstreifen in der innersten Schicht von Arterien, in der Intima, das früheste Stadium im Rahmen der Entstehung der Atherosklerose darstellen. Wenn klassische Atherosklerose-Risikofaktoren wie hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte oder Rauchen weiter vorhanden sind, entwickeln sich die Fettstreifen schließlich zu komplizierten, fortgeschrittenen Veränderungen, den sogenannten atherosklerotischen Plaques. Während der letzten Jahrzehnte wurde indessen klar, dass die frühesten Stadien der Atherosklerose entzündlich-immunologischer Natur und durch Infiltration der Intima durch Zellen des Immunsystems charakterisiert sind.

STANDARD: Und wogegen reagieren diese Immunzellen in den Arterien?

Wick: Wir haben die Immunzellen mit verschiedenen Proteinen zusammengebracht, um zu sehen, gegen welche sie eine Immunantwort geben. Wir konnten zeigen, dass es sich dabei um eine spezifische Molekülklasse handelt, die man als Stress-Eiweiße bezeichnet. Diese Proteine wurden ursprünglich bei der Fruchtfliege entdeckt: Wenn man Fliegen einer höheren Temperatur aussetzt, dann produzieren sie diese Proteine. Darum heißen sie Hitzeschockproteine, abgekürzt HSP. Die treten allerdings nach allen Formen von Stress auf, nicht nur bei Hitze. Und unsere Immunzellen reagierten in der Arterienwand gegen eine Unterklasse dieser Proteine, nämlich gegen HSP60 - die Zahl steht für das Molekulargewicht von 60.000.

STANDARD: Woher kommt denn das HSP?

Wick: Das HSP60 ist ein evolutionsgeschichtlich uraltes Molekül und hat sich schon mit den Bakterien entwickelt. Es ist etwa 2,5 Milliarden Jahre alt. Wenn Sie Bakterien einem milden Stress aussetzen, bleiben wir bei Hitze, dann produziert das Bakterium HSP60, und das verbindet sich dann mit den essenziellen Eiweißen des Bakteriums, um diese vor den schädlichen Einwirkungen zu schützen, damit das Bakterium überlebt. HSP60 ist also eigentlich ein Schutzmolekül. Es kommt bei allen Lebewesen vor, so auch im Menschen. Und wir alle haben Immunreaktionen gegen dieses Eiweiß, weil wir ja alle schon Infektionen durchgemacht und Impfungen erhalten haben.

STANDARD: Wieso Impfungen?

Wick: Nehmen wir das Beispiel Diphtherie. Werden Sie dagegen geimpft, sind Sie gegen diesen Erreger immun, Ihre Abwehrzellen reagieren gegen spezifische Eiweiße des Erregers. Aber auch gegen das Diphterie-HSP60. Wenn Sie dann eine Tetanusinfektion durchmachen, so sind sie zwar nicht gegen Tetanus geschützt und werden wahrscheinlich erkranken, aber ein klein wenig immun dagegen sind Sie doch. Denn das Tetanus-HSP60 ist jenem von allen anderen Bakterien, also auch von Diphtherie, sehr ähnlich.

STANDARD: Und wie hängt das jetzt mit Atherosklerose zusammen?

Wick: Wenn Risikofaktoren für Atherosklerose wie etwa hoher Blutdruck, Rauchen, Sauerstoffradikale, wiederholte Infektionen, Diabetes oder anderes vorliegen, wenn also die Arterien in Stress geraten, konnten wir zeigen, dass die Endothezellen, die die Gefäßwände auskleiden, ebenfalls menschliches HSP60 produzieren. Und das humane HSP60 hat immer noch eine mehr als 50-prozentige molekulare Ähnlichkeit mit bakteriellem HSP60. Das heißt, die präexistente Immunität gegen mikrobielles HSP60 richtet sich jetzt gegen unsere eigenen Endothelzellen, die an ihrer Oberfläche HSP60 exprimieren. Behandeln wir unsere Gefäße also schlecht, richtet sich dieser ursprüngliche Schutzmechanismus gegen uns selbst. Es kommt zu chronischer Entzündung in den Gefäßwänden, die Ursache für die Entstehung von Atherosklerose.

STANDARD: Gibt es keine Bemühungen, die spezifische Immunität gegen das HSP60 medikamentös abzuschwächen?

Wick: Sie kommen genau auf den Punkt. Ich koordiniere das europäische Großprojekt Tolerage (siehe Wissen, Anm.), das von der EU mit zehn Millionen Euro finanziert wird und heuer begonnen hat. Wir versuchen, mit Partnern aus Österreich, Schweden, Deutschland, Italien, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz eine Impfung gegen Atherosklerose zu entwickeln. Auf Basis von HSP60. Das Problem ist, dass wir nicht die gesamte Immunität gegen das HSP60 zurückfahren dürfen, das wäre ja gefährlich, denn dann hätten wir keinen Schutz mehr gegen Keime, und auch die körpereigene Müllabfuhr würde zusammenbrechen.

Also müssen wir jene spezifischen Abschnitte des Moleküls identifizieren, die bei der Atherosklerose eine Rolle spielen. Erst dann können wir an einen Impfstoff denken. Ich befürchte, dass dies ein langwieriger Prozess ist. Das Interessante an unserem Projekt ist, dass wir im Vergleich zu anderen Gruppen einen diametralen Zugang zum Altern des Immunsystems haben. Die meisten Alternsforscher versuchen, das Immunsystem, das mit zunehmendem Alter an Kraft und Erinnerungsvermögen verliert, anzutreiben. Wir aber wollen es in Teilen abschwächen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2008)

Zur Person
Georg Wick (69), emeritierter Professor für Pathologie, leitet an der Sektion für Experimentelle Pathophysiologie und Immunologie am Biozentrum der Meduni Innsbruck eine Studiengruppe im Labor für Autoimmunität. Wick war von 1991 bis 2003 geschäftsführender Direktor des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck und von 2003 bis 2005 Präsident des Wissenschaftsfonds FWF.

  • Alternsforscher Georg Wick zeigte in einer zu Demonstrationszwecken aufgeblasenen Plastikarterie die Ausmaße seiner Forschungsarbeit.
    foto: wick

    Alternsforscher Georg Wick zeigte in einer zu Demonstrationszwecken aufgeblasenen Plastikarterie die Ausmaße seiner Forschungsarbeit.

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