Ein Parlament der Männer, Beamten und Funktionäre

7. Oktober 2008, 12:54
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Prominente Politiker bangen um ihre Mandate - Der neue Nationalrat wird das Volk, das er vertreten soll, nur ungenügend abbilden

Wien - Viel hat nicht gefehlt auf ein politisches Comeback von Herbert Haupt: Im Regionalwahlkreis Kärnten-West kandidierte der ehemalige Vizekanzler an zweiter Stelle für das BZÖ. Der vor ihm gereihte Josef Jury schaffte den Einzug in den Nationalrat, für Haupt reichte es aber nicht ganz.

Auch andere Promis werden womöglich auf der Strecke bleiben. Am Dienstag, nach der Auszählung der letzten Wahlkarten, begann das große Rechnen in den Parteien: Wer schafft auf welcher Liste den Einzug in den Nationalrat - und wer eben nicht?

Wackelkandidaten bangen

"Wackelkandidaten" gibt es bei SPÖ und ÖVP einige: Sie können dann auf ein Mandat nachrücken, wenn die auf den Listen vor ihnen gereihten Kandidaten, meist bisherige Minister, wieder Regierungsämter übernehmen. Das gilt etwa für ÖAAB-Chef Fritz Neugebauer, der nach derzeitigem Stand nicht im Parlament wäre. Um ihr ÖVP-Mandat bangen müssen auch Gesundheitssprecher Erwin Rasinger, Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg, Seniorensprecherin Getrude Aubauer, die Wiener Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager, Frauenchefin Maria Rauch-Kallat und ÖAAB-Generalsekretär Werner Amon. Gerade noch hineingerutscht ist JVP-Obfrau Silvia Fuhrmann.

Bei der SPÖ zittert Gesundheitssprecherin Sabine Oberhauser. Fix draußen sind Finanzsprecher Kai-Jan Krainer und die frühere evangelische Superintendentin Gertraud Knoll. Aufatmen kann hingegen der grüne Sozialsprecher Karl Öllinger, seit dank der Briefwähler ein Mandat von der SPÖ zu den Grünen gewandert ist.

Bei allen Parteien hängen die Personalia davon ab, wer von welcher Liste aus in den Nationalrat einzieht. Die Parteichefs sind jeweils mehrfach abgesichert: Werner Faymann (SPÖ) ist nicht nur Erstgereihter auf der roten Bundesliste, sondern auch auf der WienerLandesliste. Neo-ÖVP-Chef Josef Pröll hat ebenfalls ein Bundes- und ein Landesmandat. Sein Vorgänger Wilhelm Molterer hätte theoretisch gleich drei Mandate (Bund, Oberösterreich, Regionalwahlkreis Traunviertel), allerdings ist noch nicht fix, ob er überhaupt im nächsten Nationalrat sitzen wird.

Wenig Frauen, viele Beamte

Eines zeichnet sich bereits jetzt ab: Der Nationalrat wird das Volk, das er vertreten soll, auch diesmal nur ungenügend abbilden. Das beginnt bei der Geschlechterverteilung. In der Bevölkerung sind Frauen in der Mehrheit, im Parlament eine schrumpfende Minderheit. Saßen in den vergangenen zwei Jahren noch 58 Abgeordnete im Hohen Haus, ist nun nur mehr mit 51 Frauen gegenüber 132 Männern zu rechnen. Bei der SPÖ dürften sich 21 Frauen und 36 Männer finden, bei der ÖVP beträgt die Quote maximal zwölf zu 51. Sechs zu 28 beziehungsweise zwei zu 21 steht's bei FPÖ und BZÖ, Fifty-Fifty schaffen nur die Grünen.

Nicht gerade repräsentativ ist auch der berufliche Background der Abgeordneten. Nach vorsichtiger Rechnung werkt(e) gut die Hälfte auch abseits des Parlaments im Dunstkreis von Staat und Politik: Als Beamte, Lehrer oder Kammerfunktionäre. Zum Vergleich: Laut OECD arbeiten gerade 12,8 der Beschäftigten in Österreich im öffentlichen, überwiegend aus Steuergeldern finanzierten Bereich. Am meisten Personal aus dem staatsnahen Sektor rekrutiert die SPÖ. Deutlich in der Minderheit dürften die Vertreter einer im Wahlkampf oft angesprochenen Klientel bleiben: die Arbeiter und Angestellten aus der Privatwirtschaft. (Andrea Heigl,Gerald John/DER STANDARD Printausgabe, 8. Oktober 2008)

  • Wer aller im Saal des hohen Hauses sitzen wird, ist noch nicht ganz fix.
    foto: standard/cremer

    Wer aller im Saal des hohen Hauses sitzen wird, ist noch nicht ganz fix.

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