Verwirrung und Furcht vor dem neuen Doktorat

6. Oktober 2008, 19:27
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Bald heißt es Abschied nehmen, denn bis 2009/10 kommt das "Doktorat neu" - Wie, das weiß noch keiner so genau - für Studierende ein Grund zu bangen und zu hoffen

Wien - Ein Jahr noch bis zur Umstellung des Doktorats, und die Verunsicherung ist groß. "Doktorat neu" heißt das Damoklesschwert, das zu einer absurden Situation führt: Studierende wollen unbedingt in das auslaufende Doktoratsstudium einsteigen, selbst wenn sie noch ohne Magister sind.

Mit Sorge beobachtet Irene Zavarsky, wissenschaftliche Mitarbeiterin des "Graduiertenzentrums der Sozialwissenschaftlichen Fakultät" der Uni Wien, diese Entwicklung. "Bevor sie überhaupt noch mit dem Diplom fertig sind" erkundigen sich viele, ob sie schon inskribieren können. "Der Stress, das Doktorat möglichst nahtlos anzuschließen und wenig Zeit zu verlieren, ist in den letzten Jahren angestiegen", erklärt Zavarsky.

Dabei hängt die Angst vor einem verlängerten Doktorat auch mit der finanziellen und zeitlichen Belastung zusammen, die schon jetzt vielen Doktoranden zu schaffen macht. Genaue Zahlen zu den sozioökonomischen Bedingungen gibt es kaum. Um die Spezies der Doktoranden näher ins Licht zu rücken, wurde deshalb im Sommersemester 2008 eine erste Studie für den Bereich der Sozialwissenschaften erstellt.

Alarmierend prekäre Lage

Diese wurde im Auftrag des Graduiertenzentrum und der Arbeiterkammer durchgeführt, mit im Vergleich zum anglophonen Raum alarmierenden Ergebnissen. Es kristallisierte sich die prekäre Situation der Studierenden heraus: Achtzig Prozent der Doktoranden müssen ihr Studium selbst finanzieren, nur zwanzig Prozent erhalten ein Stipendium bzw. eine Anstellung der Universität.

Weiters fühlen sich siebzig Prozent der Männer und nur 48 Prozent der Frauen durch ihre Betreuer ausreichend unterstützt. Dieser Unterschied kann laut Studienleitern darauf zurückgeführt werden, dass die meisten Betreuenden männlich sind, allerdings fehlen hierzu genaue Daten.

Die erhöhte Erwerbstätigkeit lässt sich auf die höheren Kosten - mehr Doktoranden leben nicht mehr zu Hause als der Durchschnitt der Studierenden, doppelt so viele haben ein Kind (15 Prozent) - und auf die geringe Förderung zurückführen.

Stephan Kurz, Doktoratsstudienvertreter an der Uni Wien und Mitbetreiber von doktorat.at stellt fest: "Es gibt in Österreich für Doktoranden generell viel zu wenige Förderungsmöglichkeiten. Das betrifft den Bereich der Stipendien, aber auch Anstellungen in universitären oder außeruniversitären Forschungsinstitutionen."

Solche Probleme kennt die Technische Uni Wien nicht. "Wir sind froh über jeden Studierenden, den wir kriegen können", sagt Andreas Fritsch von der Fachschaft Doktorat. Die meisten dort Studierenden finden an der TU in Projekten oder mittels Planstellen eine Anstellung oder werden von einem Unternehmen angestellt. "Dissertationen, finanziert durch Nebenjobs, sind wegen des hohen Zeitaufwands äußerst unüblich", erklärt Fritsch.

Die TU gehört zu den wenigen, die die gesetzliche Vorlage zum "Doktorat neu" umgesetzt haben. "Es war die Minimalvariante, mit viel Gestaltungsfreiraum", skizziert Fritsch das Ergebnis. Mindestens drei Jahre soll das Doktorat dauern, die TU interpretiert das als Regelstudienzeit, der Vorteil: Diese kann unterschritten werden.

An den meisten Universitäten stehen diese Veränderungen noch bevor. Die Gremien an der Uni Wien diskutieren derzeit über die neuen Doktoratsstudien, berichtet Kurz. Er rechnet damit, dass den sogenannten "Soft Skills" bzw. "Transferrable Skills" mehr Bedeutung zukommen wird.

Wovon allerdings viele ausgehen ist, dass die Verlängerung des Doktorats auf drei Jahre eine Erhöhung der Pflichtstunden bedeuten wird. Da sich der Aufwand für die Studierenden erhöhen wird, sollte das Doktorat mit einer guten Anknüpfung an den Wissenschaftsbetrieb verbunden werden, meint Zavarsky. Für sie wäre das Ziel eines neuen Studienplans auch die Einbindung junger Nachwuchswissenschafter in die "Scientific Community".

Sie sieht bei vielen Studierenden das Problem, dass nach Abschluss der Lehrveranstaltungen "die Anknüpfungspunkte an die Uni weg sind", die man "sich sehr mühsam anders suchen oder erarbeiten muss". Die angestrebte Professionalisierung könnte somit die berufliche Karriere erleichtern. (Astrid-Madeleine Schlesier, Sebastian Pumberger/DER STANDARD-Printausgabe, Oktober 2008)

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    Doktoranden in Heidelberg gestalten ihre Hüte mit Physik-Experimenten selbst. Die Chance, beim neuen Doktorat mitzuwirken, haben die Studienvertreter Österreichs. 

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