"Und der Sieger ist: der da!"

8. Oktober 2008, 17:29
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Zweite TV-Debatte zwischen John McCain und Barack Obama in Nashville stand ganz im Zeichen der US-Finanzkrise - Umfragen sehen Obama als Gewinner

Die Zeiten sind hart, die Fragen unerbittlich. "Wieso" , meldet sich eine 78-Jährige, ein Kind der Weltwirtschaftskrise, wie der grimmig dreinblickende Fernsehmoderator Tom Brokaw sie vorstellt, "wieso spricht keiner übers Opferbringen?" Warum, will die Dame wissen, habe George W. Bush die Leute nie aufgefordert, den Gürtel enger zu schnallen? Warum sei niemand bereit, Tacheles zu reden?

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Krise, Bush, Opfer. Barack Obama scheint nur gewartet zu haben auf die Stichwörter. Mit staatsmännisch ernstem Gesicht erhebt er sich von seinem Barhocker, schreitet über den hellroten Teppich, auf die grauen Stuhlreihen zu, auf denen achtzig handverlesene, unentschlossene Wähler sitzen. "Nach 9/11 hat Bush den Amerikanern immer nur eines gesagt: Geht shoppen." So sei das eben mit einem Präsidenten, der sich nicht traue, den Menschen reinen Wein einzuschenken. "Es ist die schlimmste Finanzkrise seit der Großen Depression" , doziert Obama kühl. "Es ist das Urteil über acht Jahre von Bushs Wirtschaftsphilosophie." Und John McCain habe diese Philosophie stets unterstützt.

Zum zweiten Mal debattieren die Kandidaten vor großem Fernsehpublikum. Diesmal, in Nashville, darf nicht nur der Moderator fragen, diesmal sind auch die Zuschauer am Zug. Modell steht das Muster des Town-Hall-Meetings, der in den USA so beliebten Bürgersprechstunde, bei der die Fragen spontan auf die Politiker einprasseln. Anders als erwartet ist es nicht McCain, der Meister des schnellen Wortes, der von dem Sprechstundenformat profitiert.

Wie schon beim Auftakt Ende September macht Obama auch in der zweiten Runde die bessere Figur. Sein 72 Jahre alter Gegenspieler weiß, dass er eine Glanzvorstellung bieten muss, um aufzuholen. Phasenweise wirkt er so nervös wie ein überehrgeiziger Pennäler beim Abitur. Nicht nur bei Wirtschaftsthemen sticht ihn Obama mit seiner überlegten Art aus, auch beim spontansten Wortduell des Abends hat er das bessere Ende für sich.

"Immer mit großem Knüppel"

"Wissen Sie" , erwidert McCain dem Jüngeren, der, um Osama Bin Laden zu fangen, eine Kommandoaktion in Pakistan durchaus für möglich hält. "Wissen Sie, mein Held ist ein Kerl namens Teddy Roosevelt (US-Präsident im frühen 20. Jahrhundert, Anm.). Teddy Roosevelt sagte immer: ‚Geh behutsam, sprich leise, aber hab immer einen großen Knüppel dabei.‘ Senator Obama redet gern laut." Obamas Replik kommt wie aus der Pistole geschossen. "Und das sagt ausgerechnet ein Bursche, der ‚Bomb, bomb, bomb Iran‘ sang. Ich glaube nicht, dass das ein Beispiel für leises Sprechen ist."

Wie ein Werbefachmann, der durch beharrliches Wiederholen am Wiedererkennungswert einer Marke feilt, nutzt McCain jede Gelegenheit, um sein Mantra vorzutragen. "Ich weiß, wie man das macht." "Washington ist zerbrochen, ich kann es reparieren."

Persönliche Attacken verkneift er sich, dafür ist seine Stellvertreterin Sarah Palin zuständig. Dennoch, einmal behandelt er den Kollegen so herablassend, dass er prompt ein Eigentor schießt. Es geht um Milliardengeschenke an die Ölindustrie. "Wisst ihr, wer für die Energiegesetze von Bush und Cheney gestimmt hat?" , fragt McCain ins Studio hinein. "Ihr werdet es kaum glauben. Der da. Nicht ich." Ohne seinen Kontrahenten eines Blickes zu würdigen, zeigt er die Richtung Obama. "Wenig präsidial, diese Szene" , lautet am nächsten Tag der Tenor in den Kommentarspalten. Einer spitzt es prägnant zu: "Und der Sieger ist: der da." derStandard.at/US-Wahl

Die zweite TV-Debatte der US-Präsidentschaftskandidaten hat Barack Obama für sich entschieden. Sein Kontrahent McCain wirkt zunehmend nervös. Eine persönliche Attacke auf Obama verwandelte sich prompt in ein Eigentor. (Frank Herrmann aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2008)

 

 

 

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    Foto: APA/EPA/CHRISTOPHER BERKEY

    Die Finanzkrise dominierte den zweiten Schlagabtausch zwischen den Präsidentschaftskandidaten McCain und Obama - und die Fragen aus dem Publikum. Laut Blitzumfragen machte der Demokrat Obama die bessere Figur. Eine dritte und letzte Debatte soll am Mittwoch stattfinden.

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    Foto: AP/Jim Bourg
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