Vom Theoriebecken auf die Festivalbühne

6. Oktober 2008, 18:57
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"RegiOn" ist eine Dreh­scheibe für den Pop­kultur­austausch zwischen Ost und West - In Budapest wurde auf einer Konferenz überlegt, wie dieser ermöglicht und verbessert werden kann

Budapest - Muss sich osteuropäische Popkultur der westlichen angleichen, um auch in Westeuropa reüssieren zu können? Oder soll sie lieber auf Authentizität bauen? Auf Folklore setzen und weiterhin unscharfe, oft unter "Balkan" zusammengefasste Klischees bedienen? Und was, wenn eine rumänische Rockband einfach Englisch singen will, also so gar nicht "Balkan" ist? Und wo soll die dann hin?

Viele Fragen, wenige Antworten. Immerhin versuchte die heuer zum zweiten Mal ausgetragene Central Eastern European Music Conference RegiOn sich Ende September diesen Fragen zu stellen - wohl wissend, dass es keine einfachen Lösungen gibt.

RegiOn wurde vom ungarischen Kulturministerium und der EU unterstützt. Eigentlich war Wien für heuer als Austragungsort geplant gewesen, die Neuwahlen verhinderten das aber. Also diskutierten wieder in Budapest drei Tage lang mehr als hundert musikaffine Strategen, Vermarkter, Veranstalter, Theoretiker und Praktiker sowie eingeladene Journalisten aus ganz Europa über den Umgang mit Popkultur aus Zentral- und Osteuropa.
Seltsamerweise waren keine Musiker geladen - sieht man einmal von jenen im Abendprogramm ab. Dieses wurde von Bands aus Rumänien, Ungarn, Österreich, Slowenien, Polen und anderen zentral- und osteuropäischen Ländern in verschiedenen Budapester Klubs bestritten. Ihre Auftritte sollten die Teilnehmer der Konferenz im Schulnotensystem bewerten. Und zwar in den Kategorien "Internationales Potenzial" oder "Kontakt zwischen Künstler und Publikum".

Trockenschwimmen

Daran lässt sich ablesen, dass über gewisse Distanzen vor allem Trockenschwimmen im Theoriebecken geübt wurde. Interessanter war da die Selbstsicht osteuropäischer Popkultur. Während der Westen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs seinen auf einer globalen Infrastruktur gewachsenen Kulturimperialismus ostwärts lenkte, musste man sich in Osteuropa erst einmal aufstellen.

Dragan Ambrović, als Veranstalter des renommierten Exit Festivals einer der führenden Köpfe der serbischen Popkultur, meint dazu heute: "Wir leben mit Stereotypen. Anstatt sie krampfhaft zu bekämpfen, sollten wir mit ihnen arbeiten, sie positiv umdeuten. Anhand von sogenannter Zigeunermusik ist das längst gelungen. Zigeuner galten und gelten als soziale Underdogs. Aber genau diese Underdogs haben teilweise beachtliche internationale Karrieren gemacht - ohne sich vor dem Westen zu verbiegen. Daraus entsteht ein Selbstbewusstsein. Man darf sich längst schon fragen: Ist der Westen bereit für den Osten? Prinzipiell gilt aber, dass, solange die Kulturen anhand ihrer Unterschiede gemessen werden, aus dem ,us and them‘ Profit geschlagen wird, die Situation verfahren bleiben wird. Ein 'we' ist anzustreben. Politische und ökonomische Kräfte scheinen jedoch alles daran zu setzen, diese Situation mittels Manipulation aufrechtzuerhalten."

Dass gerade einmal 25 Prozent aller Serben über Internetzugang verfügen und Kulturschaffende oftmals kein Ausreisevisum bekommen und deshalb Festivaleinladungen im Ausland nicht wahrnehmen können, sei eine weitere Widrigkeit. Auch in der Ukraine.

RegiOn versucht sich als Vermittler und als Plattform für Kulturaustausch zu etablieren. Dabei spielen Festivals und Klub-Tourneen eine besondere Rolle. Wobei alle Konferenzteilnehmer eingestanden haben, dass ein lediglich punktueller Austausch eher den Ghetto-Aspekt verstärkt. Wenn etwa ungarische Bands bei einem portugiesischen Festival auftreten und im Gegenzug portugiesische in Ungarn, ergibt das nicht automatisch daraus folgende Tourneen oder weiterführende Einladungen. Wobei - und auch da waren sich alle einig - das auch für viele Staaten Westeuropas gilt. Etwa: Wie viele italienische Bands spielen pro Jahr in Norwegen? Eben.

Kulturtourismus

Von derlei, unter vielen Nationen längst bestehenden Programmen sollte man also nicht allzu nachhaltige Wirkung erwarten oder einfordern. Die Popkultur des Ostens profiliert sich vor allem über selbst erarbeitete Verdienste.

Etwa das ungarische Sziget Festival. Dieses besitzt europaweit eine ausgezeichnete Reputation und präsentiert neben internationalen immer auch osteuropäische Bands. Durch den vom Sziget ausgelösten Kulturtourismus lässt sich Nachhaltigkeit eher sicherstellen als durch punktuelle Programme. Ein Aspekt, den gerade Osteuropa in Zukunft stärker für sich nutzen will. Bei Interesse an Ost-West-Popkulturaustausch ist die Homepage von RegiOn jedenfalls eine der besten Adressen. Man versteht sich nämlich als Drehscheibe für Kontakte in ganz Ost- und Zentraleuropa. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2008)

  • Die Wiener Band Stojka und Stoika bei ihrem Auftritt im Budapester Club Corvintetö im Rahmen der Musikkonferenz "RegiOn".
    foto: region

    Die Wiener Band Stojka und Stoika bei ihrem Auftritt im Budapester Club Corvintetö im Rahmen der Musikkonferenz "RegiOn".

  • Dragan Ambrović (re.) übt sich in osteuropäischem Selbstbewusstsein: Ist der Westen eigentlich reif für den Osten? 
    foto: region

    Dragan Ambrović (re.) übt sich in osteuropäischem Selbstbewusstsein: Ist der Westen eigentlich reif für den Osten? 

  • Gerald
Seligman, Direktor der Weltmusik-Messe "Womex", als Gast der Central
Eastern European Music Conference in Budapest.
    foto: region

    Gerald Seligman, Direktor der Weltmusik-Messe "Womex", als Gast der Central Eastern European Music Conference in Budapest.

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