Im Schoß des Ständestaates

6. Oktober 2008, 18:30
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Bisher hat sich der Drang des "Presse"- Chefredakteurs, in der kleinen publizistischen Welt Österreichs als Selbstdarsteller Furore zu machen, nur schriftlich Bahn gebrochen ...

Bisher hat sich der Drang des "Presse"-Chefredakteurs, in der kleinen publizistischen Welt Österreichs als Selbstdarsteller Furore zu machen, nur schriftlich Bahn gebrochen. Als Rohrspatz mit der Ambition, es irgendwann zum Thomas Bernhard des Leitartikels zu bringen, hat er damit einmal in der Woche zwar nicht gerade zur Aufklärung über die politische Lage, aber immerhin über seinen jeweiligen Seelenzustand beigetragen. So ließ er Samstag die Leserinnen und Leser seines Blattes an dem Trauma seiner Rückversetzung in den strukturellen Schoß des Ständestaates teilhaben, in dem mit ihm das Land vermutlich noch vor Jahresende angelangt sein wird, obwohl es dort mit einigen unrühmlichen Ausnahmen schon seit sechs Jahrzehnten steht. Kurz: Österreich zwischen Gesinnungskitsch und konservativer Selbstfindung. Er mittendrin.

Um sich und der Nation das Leben im strukturellen Schoß des Ständestaates ein wenig aufzupeppen, hat er nun einen Zahn zugelegt. Er lässt nicht nur "Die Presse", sondern auch die Umwelt mit Werbung für Michael Fleischhacker eindecken, bei der für sein Blatt immerhin eine Nebenrolle abfällt. In sechs Sujets schnurrt die Corporate Identity der "Presse", frei seit 1848, bisher auch von derartigem Personenkult, auf den Charakterkopf ihres Chefredakteurs zusammen, wobei offenbar niemand die Folgen bedachte, die so etwas haben kann, wenn die Idee etwa beim Chefredakteur der "Wiener Zeitung" auf fruchtbaren Boden fiele. Wie zurückhaltend war da bisher doch Hans Dichand!

Aber wirklich starke Persönlichkeiten brauchen den Ego-Trip in die Öffentlichkeit nicht zu scheuen, und mit denen hat es der "Presse"-Chef nun einmal. Volksparteien, egal ob links oder rechts der Mitte, können nur erfolgreich sein, wenn sie über starke Persönlichkeiten verfügen, welche die programmatischen Widersprüche, die Volksparteien notwendigerweise produzieren, sowohl intellektuell als auch emotional integrieren können. Warum sollte das in der "Presse" anders sein? Da darf man Publikum und Redaktion schon ein plakatives Lieben Sie uns lieber nicht entgegensetzen, wenn man den erhofften Widerspruch sowohl intellektuell als auch emotional integriert, indem man dazu treuherzig eine Margarite bezupft.

Da kann man auch den Bobo hervorkehren, indem man mit Pilotenbrille zum Abheben auch ohne Flugzeug bittet oder flitterbestreut einlädt: Hier beginnt das Stadtleben. Alles im strukturellen Schoß des Ständestaates! Einmal wird es beinahe ernst, wenn das eher als Schönheitspflästerchen gedachte Heftpflaster über dem Auge des neugeborenen Stars von der Frage begleitet wird: Wer sagt eigentlich, dass schreiben ungefährlich ist? Aber keine Angst, Gefährlicheres kann einem "Presse"-Chefredakteur zwischen Gesinnungskitsch und konservativer Selbstfindung nicht widerfahren, als dass man ihn bei der "Wiener Zeitung" versorgt.

Nicht alle müssen so hart darum ringen, einem breiteren Publikum bekannt zu werden wie Michael Fleischhacker. Die First Lady der Grünen etwa, muss sich sogar gegen Interviews wehren, die erscheinen, obwohl sie sie gar nicht gegeben hat. Oder nicht im Zusammenhang mit dem Erscheinen. Und/oder nicht so. Im Privatinterview - einer von "Österreich" erfundenen Textsorte - hat Eva Glawischnig einen Tag nach ihrer Designierung zur Bundessprecherin Details zu ihrem Familienleben bekanntgegeben, wie etwa: "Bei meinem Sohn kann ich nie Nein sagen." Dazu stellte der Pressedienst der Grünen fest, dass besagtes Interview in dieser Form niemals stattgefunden hat. Aber irgendwie doch. Die Inhalte dieses Interviews stammen offenbar aus einem Gespräch, das Eva Glawischnig mit "Österreich" im August geführt hat. Das Interview wurde damals auch veröffentlicht.

Ein Interview, zweimal veröffentlicht, das würde sich jeder Politiker wünschen, sofern er nicht innerhalb von zwei Monaten seine Meinung ins Gegenteil verkehrt hat. Ist ja rationell. Doch die Grünen sind unzufrieden. Jeder aktuelle Bezug in dem heute, Sonntag, auf Seite zehn in "Österreich" erschienenen Gespräch mit Eva Glawischnig ist also frei erfunden, gaben sie zu Protokoll.

"Österreich" hatte sich allerdings in einer Notlage befunden: Eigentlich liebt Eva Glawischnig das Rampenlicht - doch am Freitag machte sie sich plötzlich rar. Für solche Fälle ist es doch gut, ein altes Interview aufwärmen zu können. Nicht interessiert hat die Grünen, wann das Foto aufgenommen wurde, das am Vortag den Umsturz an der grünen Spitze illustierte: Eva Glawischnig, lässig auf ein Sofa hingefläzt. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2008)

  • Neue "Presse"-Kampagne setzt Chefredakteur Fleischhacker in Szene.
    foto: diepresse.com

    Neue "Presse"-Kampagne setzt Chefredakteur Fleischhacker in Szene.

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