Klaustrophobe Opernräume

6. Oktober 2008, 18:06
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Joachim Schlömer und seine Version von Mozarts "Entführung" in St. Pölten - Bilder von Abhängigkeit und Enge

St. Pölten - Findet man Mozarts Entführung aus dem Serail auf Spielplänen der Opernhäuser, steht nicht selten der Konflikt zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident im Mittelpunkt. Zwar betont auch der kommende Chef des Festspielhauses in St. Pölten, Joachim Schlömer, diese Trennlinie, indem er Improvisationen auf europäischen Instrumenten mit exotischer Percussion (Murat Coskun) konfrontiert. Primär jedoch steht im Zentrum seiner Inszenierung die Thematik der Entführung und des Ausgeliefertseins von Individuen.

Schlömers Entführung spielt auf mehreren ästhetischen Ebenen und versetzt Figuren, Text und Musik in eine Art Laborsituation. Den Protagonisten wird je ein Tänzer zur Seite gestellt, Bassa Selim (Marianne Hamre), der sämtliche von Schlömer überarbeiteten Sprechrollen übernimmt, kontrolliert das Geschehen auf der mit zwölf multifunktionalen Kästen geometrisch konzipierten Bühne (Jens Kilian).

Das ergibt immer wieder Bilder und Szenen von klaustrophobischer Dichte - der Bezug zu Mozarts Original will sich jedoch nur mit Mühe einstellen. Denn durch die mehrfache Aufspaltung zwischen Text und Musik, zwischen Gesang und Tanz wirken die vom Freiburger Barockorchester - Dirigent Attilio Cremonesi - mit extrem viel Verve gespielten Nummern eher wie antiquarische Einschübe denn als wichtige Basis der Inszenierung.

Am überzeugendsten ist die Arbeit denn auch an den freien Stellen, dort, wo das Orchester improvisiert und so ein klangliches Äquivalent zu den Bildern schafft. Die Sänger stehen bei diesem multimedialen Ansatz naturgemäß etwas im Hintergrund. Die beweglichen Stimmen (vor allem Graham Smith als Belmonte und Alice Gartenschläger als Konstanze) schaffen aber, indem sie der Kühle des Raumes die Wärme des Gesanges entgegenstellen, immerhin so etwas wie emotionale Rettungsanker. Viel Applaus, aber was blieb, ist auch der Wunsch, sich wieder einmal die Matrix-Filme anzusehen. (Robert Spoula, DER STANDARD/Printausgabe, 07.10.2008)

  • Bilder von Abhängigkeit und Enge: Joachim Schlömers Version der Entführung.
    foto: festspielhaus

    Bilder von Abhängigkeit und Enge: Joachim Schlömers Version der Entführung.

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