Färinger, Piepmatze und Feiertage

6. Oktober 2008, 18:08
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Österreichs Kicker be­reiten sich auf eine auf­regende Reise vor. Das hat mit dem 0:1 vor 18 Jahren nur am Rande zu tun - Färöer haben auch landschaftlich und kulinarisch einiges zu bieten

Wien - Das österreichische Nationalteam hat sich am Montag in der Sportschule Lindabrunn versammelt, am Nachmittag wurde bereits relativ locker, aber doch trainiert. Es stehen zwei Spiele in der WM-Qualifikation an, am Samstag auf den Färöern und am darauffolgenden Mittwoch in Wien gegen Serbien. Sämtliche Kicker und natürlich auch Teamchef Karel Brückner wissen, dass die Färinger nicht irgendeine Fußballmannschaft sind. Das 0:1 vom 12. September 1990 hält ewig, dieses Datum kann auch durch den 11. Oktober 2008 nicht gelöscht werden. Es sei denn, Österreich verliert erneut.

Die Reise auf die Inseln ist beschwerlich, sie wird deshalb schon am Donnerstagnachmittag angetreten. Der Flieger ist relativ winzig, dicke Brummer haben nämlich auf dem kleinen Airport in Vagar keinen Platz. Mit Landungen ist das generell sehr problematisch, mitunter herrscht dichter Nebel, dann müssen die Piloten spontan umkehren. Um Gottes Willen, reicht der Treibstoff, wird der eine oder andere Fußballer panisch fragen? Antwort: Ja. Bei Atlantic Airways (übrigens die einzige Linie, die die Färöer anfliegt) sind sie nicht völlig bescheuert, in Dänemark (Bilund) wird ein obligatorischer Zwischenstopp eingelegt, um die Maschine aufzutanken.

Kein Dach

Das Spiel wird um 17 Uhr MESZ in Tórshavn angepfiffen, das Stadion der Hauptstadt fasst 6000 Zuschauer. Es ist zur Gänze nichtüberdacht. Das ÖFB-Team fliegt übrigens gleich nach dem Match wieder retour. Und das ist gut so. Denn an Festtagen, zum Beispiel an einem Sonntag, servieren (und essen) die Färinger Papageientaucher, also - im ungefüllten Zustand - entzückende Piepmatze. Das Rezept klingt grauslich (die an der Halsöffnung zugenähten Vögel werden eineinhalb Stunden lang in Salzwasser gekocht), spätestens bei den traditionellen Beilagen, Pellkartoffeln und Marmelade, ist die Gefahr des Übergebens akut. Der Mehlfülle werden Rosinen beigemengt. Zur Beruhigung: Der Papageientaucher (lateinisch Fratercula arctica) ist keine bedrohte Art, es gibt sieben Millionen Exemplare. Zur Rechtfertigung: Dafür essen die Färinger weder Hirn mit Ei noch gebackenen Kalbskopf.

Geschätzte 90.000 Schafe grasen auf den 18 Inseln im Nordatlantik, das sind zwei pro Einwohner. Der Fischfang ist mit Abstand wichtigster Wirtschaftszweig, die Arbeitslosenquote beträgt 1,3 Prozent, da kann man getrost von Vollbeschäftigung sprechen. Die Färinger bezeichnen sich selbst nicht als Dänen, sondern als Nachfahren der Wikinger, sie pflegen ihre eigene Sprache. Derzeit verfügt das Parlament über limitierte Autonomie, Dänemark zahlt pro Jahr 85 Millionen Euro ein, kontrolliert Finanzen, Verteidigung, Außenpolitik, Kirche und Polizei.

Der neue Regierungschef möchte, dass das so bleibt. "Es gibt ein Sprichwort. Klein ist schön, unsere Inseln sind sogar sehr schön. Aber groß ist einflussreich" , sagt Kaj Leo Johannesen von der Unionistenpartei (Sambandsflokkurin), die für eine enge Bindung an das Mutterland und eine Annäherung an die EU eintritt. Johannesen war erst am 24. September nach einem Bruch der Koalition in Tórshavn zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Er ist übrigens ein Exfußballer, der heute 44-Jährige war beim legendären 1:0 in Landskrona Ersatzmann von "Zipfelmützen-Goalie" Jens Martin Knudsen.

"Der Nationalsport ist zwar Rudern, Fußball hat uns aber erst auf die Landkarte gebracht" , sagt Johannesen. Der 12. September wird wie ein Nationalfeiertag begangen, jährlich erinnern die Zeitungen (zwei gibt es) und der einzige Fernsehsender an die Sensation. Johannesen: "Ich hätte nichts gegen einen weiteren Feiertag." (hac, APA - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.10. 2008)

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    foto: henning allmers

    Der Papageientaucher ist zwar nicht bedroht, aber irgendwie will man gar nicht wissen, wie er schmeckt.

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